Bernd Steimann ist der diesjährige Gewinner des SWISS Media Award. Der ausgezeichnete Beitrag „Wilde, unermessliche Weite“ beschreibt eine Reise an den Baikalsee in Sibirien. Der Preisträger wurde heute im Rahmen des Travel Trade Workshop (TTW) in Montreux geehrt.
Den diesjährigen SWISS Media Award gewinnt Bernd Steimann für seine Reisereportage an den sibirischen Baikalsee. Der Artikel erschien Mitte Juni 2007 im Verbund der „Zürcher Landzeitung“ (Zürcher Oberländer, Anzeiger von Uster sowie Zürichsee-Zeitungen). Der Autor beschreibt sehr eindrücklich seine Reise an den Baikalsee - das „sibirische Meer“. Steimann bringt in seinem persönlich gehaltenen Bericht ein Reiseziel näher, das für viele Menschen zu den noch unbekannten Flecken der Erde gehört.
Ausschlaggebend für die Auszeichnung waren die hohe journalistische Leistung und sein ausgezeichneter Schreibstil. Bernd Steimann (30) hat bereits Reisebeiträge für verschiedene Medien (z. B. Neue Zürcher Zeitung oder Zürichsee-Zeitung) verfasst. Er ist hauptberuflich Doktorand am geografischen Institut der Universität Zürich. Derzeit befindet er sich auf einer Studienreise im gebirgigen Südwesten der Republik Kirgistan. Die Jury beurteilte insgesamt 25 Beiträge aus der Deutsch- und Westschweiz.
Christoph Franz, CEO von SWISS, und Lauriane Gilliéron, ehemalige Miss Schweiz und Botschafterin von SWISS, übergaben dem Sieger den Preis (zwei weltweit gültige SWISS Business Class Tickets plus CHF 2000.- Reisegeld). Franz: „Mit dieser Auszeichnung würdigen wir die qualitativ hoch stehende Arbeit von Schweizer Journalisten.“
Die 2001 ins Leben gerufene Auszeichnung wurde letztmals 2005 unter der Trägerschaft des Schweizer Verbandes der Reisejournalisten durchgeführt. Der SWISS Media Award konnte dieses Jahr unter neuer Trägerschaft wieder ausgeschrieben werden. Er richtet sich an Reise- und Aviatikjournalisten. Die Jury besteht aus Jürg Dinner (Präsident der Jury, SWISS), Daniela Bär (Schweiz Tourismus), Andrea Hemmi (Kuoni), Mona Vetsch (Schweizer Fernsehen, Radio DRS), Alfred W. Hugentobler (Präsident Schweizer Aviatik Journalisten) sowie Urs von Schroeder (Publizist).
Die Preisverleihung soll auch künftig in Montreux im Rahmen des TTW, des wichtigsten Schweizer Tourismusfachanlasses, stattfinden. Im kommenden Jahr wird eine zweite Kategorie eingeführt: Neu sollen neben dem Preis für Reisejournalisten Berichte aus der Aviatik und Luftfahrtindustrie separat ausgezeichnet werden.
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Baikal Eine Reise auf dem sibirischen Meer
Wilde, unermessliche Weite
von Bernd Steimann
Der Baikal ist der tiefste, älteste und wasserreichste See der Erde. Wer das „Meer Sibiriens“ halbwegs erfassen will, braucht genügend Zeit - und eine Schiffsfahrkarte zum kaum bekannten Nordufer.
Obwohl das langgestreckte Holzhaus direkt am Hafen steht, ist das Küchenfenster das einzige der kleinen Wohnung an der Ulitsa Pobeda, der Siegesstrasse, durch welches man auf den See blicken kann.
„Aufs Meer“, verbessert Valodja Almashy, „der Baikal ist ein Meer, kein See.“
Wenn Valodjas fünfköpfige Familie am winzigen Küchentisch sitzt, wird nicht nur der Tag und das Wetter, sondern in erster Linie der Baikal, das Meer Sibiriens, besprochen. Vom Küchenfenster aus wird alles beobachtet; hier ziehen die Jahre vorbei mit ihren kurzen Sommern und den nicht enden wollenden Wintern. Hier hört man im Frühling das Eis krachen, und im Herbst ziehen die Zugvögel über das Haus hinweg nach Süden. Draussen an der Mole legen zweimal wöchentlich die Schnellboote aus Irkutsk an. Ein alter Ladekran ragt einsam über das kleine Hafenbecken.
Ende August kommen die Schnellboote aus dem fernen Süden nur noch selten nach Nishneangarsk. Der kleine, langgestreckte Ort im äussersten Norden des Baikal liegt eingeklemmt zwischen dem riesigen, sumpfigen Delta der Oberen Angara und den Bergen und Wäldern, die sich von hier über hunderte von einsamen Kilometern hinweg nach Norden erstrecken. Bleiben die Boote aus, liegt es meist am Sturm, der hier plötzlich aufkommen kann, über das westliche Ufergebirge jagt und sich auf der unermesslichen Weite dieses wasserreichsten Sees der Erde austobt. „Ihr wärt besser im Juni gekommen“, meint Valodja. „Wenn das letzte Eis geschmolzen ist, liegt der Baikal nachher ruhig und glatt da. Kak sjerkala - wie ein Spiegel. Wunderschön.“
Unterwegs mit der „Kometa“
„Nur in Sibirien ist es möglich, dass die Riesenhaftigkeit des Baikal nicht weiter auffällt.“ - Wer mit der Transsibirischen Eisenbahn (Transsib) in mehreren Tagen von Moskau an den Baikalsee reist und nach tausenden von Kilometern auf der Schiene vom unschönen Ufer des Touristenorts Listvjanka aus zum ersten mal den sagenhaften See erblickt, der wird dem englischen Autor Colin Thubron wohl Recht geben. Hier, wo sich im Sommer eine Fischbude an die nächste reiht und billige Souvenirs um die Gunst der Pauschalreisenden buhlen, ist das gegenüberliegende Ufer zwar nur knapp zu erkennen. Doch solche Weite kennt der Zugsreisende bereits von 5000 Kilometern Fahrt durch Sibiriens Taiga, und sie beeindruckt ihn kaum mehr. Der Baikal, dieses Gewässer der Superlative, bleibt aus dieser Warte eine abstrakte Grösse und enttäuscht viele Sibirienreisende.
Wer aber das Glück hat, auch im Spätsommer noch eine Schiffsfahrkarte für die 600 Kilometer lange Fahrt von Irkutsk nach Nishneangarsk zu ergattern, dem erschliesst sich das sibirische Meer nach und nach. Auf der „Kometa“, einem lärmigen Tragflügelboot, geht die Fahrt mit gut 50 km/h gen Norden. Die Route folgt stets dem Westufer: mal fallen schroffe Felsen steil in den See ab, dann wieder erstrecken sich sanft gewellte Steppenhügel scheinbar endlos in die Ferne. Hin und wieder ist eine kleine Jagdhütte am Strand auszumachen, ansonsten umgibt diesen ältesten und tiefsten See der Erde die Wildnis. Diese Abgeschiedenheit trägt mit dazu bei, dass sich sein Wasser auch heute noch an den meisten Stellen bedenkenlos trinken lässt. Die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt in und um den See hat dem Baikal zudem den Status eines UNESCO-Weltnaturerbes eingetragen.
Nach mehreren Stunden Fahrt stoppt die „Kometa“ kurz an einem Wiesenbord der Insel Olchon, wo sich die Mehrheit der Passagiere bereits verabschiedet. Danach rast das Boot weiter nach Norden, doch trotz der atemberaubenden Geschwindigkeit will ein Ende der Reise einfach nicht in Sicht kommen. Erst lange nach Sonnenuntergang laufen wir in Nishneangarsk ein, betäubt vom Lärm der Schiffsmotoren und den Eindrücken einer Reise durch ungeahnte räumliche Dimensionen.
Besuch im Sanatorium
Und nun sitzen wir seit mehreren Tagen am Küchentisch der Ulitsa Pobeda und lassen uns von Valodja, dem Geologen und Werklehrer, die Eigenheiten des Baikal erklären. Vor dem Fenster glitzern die Wellen im gleissenden Licht der Sonne, währenddem uns Valodjas Partnerin Stalina, die örtliche Tanzlehrerin, mit gebratenem Omul, dem bekanntesten Baikalfisch, verwöhnt. Insgeheim freuen wir uns auch etwas darüber, dass seit unserer Ankunft kein Boot mehr aus Irkutsk angekommen ist. Die Vorstellung, die letzte „Kometa“ des Jahres erwischt zu haben, hat etwas Reizvolles. Für die Rückreise nach Süden, zum nächsten Bahnhof der Transsib, haben wir uns vorsorglich schon einmal zwei Flugtickets mit der regionalen Fluggesellschaft Buryat Airlines besorgt, die Nishneangarsk fünfmal wöchentlich mit Ulan Ude, der Hauptstadt der Republik Burjatien, verbindet. Und sollten auch die alten Propellermaschinen wegen des Sturms nicht fliegen können, so gäbe es noch immer den Zug. Oder die Busse, die im Winter auf dem zugefrorenen Baikal verkehren. So lange wollen wir aber nicht warten.
Stattdessen besteigen wir am nächsten Morgen das kleine Motorschiff „Khakusy“, um damit in dreistündiger Fahrt ins gleichnamige Sanatorium am gegenüberliegenden Ufer zu gelangen. Der Kurort, bekannt für seine heissen Quellen, liegt fernab der ohnehin schon bescheidenen Zivilisation von Nishneangarsk und dient dem regionalen Spital als Aussenstation. Zudem ist er ein idealer Ausgangspunkt für mehrtägige Wanderungen entlang dem wilden Ufer des Baikal. Wer mit dem offiziellen Schiff nach Khakusy will, braucht jedoch die Genehmigung der leitenden Ärztin des Spitals, und die kontrolliert genau, wer da frühmorgens über eine schmale Planke an Bord klettert. Wer weder hinkt noch hustet und kein ärztliches Zeugnis vorweisen kann, wird einer eingehenden Gewissensprüfung unterzogen. „Wozu brauchen sie all das Zeugs?“, fragt die stämmige Ärztin mit einem kritischen Blick auf unsere altertümliche russische Campingausrüstung. Schliesslich ist es auch in Sibirien eher unüblich, mit der Axt zur Kur zu fahren. Freundlichkeit und das Versprechen, keine Bäume fällen zu wollen, klären die Situation schliesslich. Wir erhalten eine schriftliche Erlaubnis zum Kuraufenthalt, und das Schiff legt endlich ab.
Einige Stunden später erklärt Igor Nikolajewitsch, Herr über Khakusy, in einer hölzernen Mensa mitten im Föhrenwald den Kurbetrieb. „Regel Nummer Eins: Wir grüssen stets und sind freundlich zueinander.“ Die kleine Gruppe von Neuankömmlingen nickt. Aus ganz Sibirien reisen die Kurgäste an in der Hoffnung, in den heissen Quellen Khakusys Linderung für ihre Gebrechen zu finden. Nicht wenige von ihnen kehren jedes Jahr hierher zurück. Dabei entspricht das Sanatorium so gar nicht den gängigen Vorstellungen eines ehemals sowjetischen Kurorts. Ungefähr fünfzehn einfache Holzbungalows liegen weit verstreut in einem duftenden Nadelwald, vor dem sich ein schier endloser, feiner Sandstrand nach Norden und Süden erstreckt. Baubrigaden der Baikal-Amur-Magistrale (BAM), einem gigantischen, von Stalin während des Zweiten Weltkriegs initiierten Bahnprojekt, begannen hier einst, Ferienhäuschen für ihre Arbeiter zu bauen. Und so grüssen heute die bunten Hütten der Mineure, Geologen und Ingenieure aus dem dichten Forst. Der Standard ist äusserst einfach; zu jedem Häuschen gehört ein Plumpsklo im Wald, und die Heilquellen sind schlicht mit Brettern eingefasst. Hin und wieder steuert ein Fischerboot die Bucht an, und die mit Bier bewaffnete Besatzung nimmt für einige Stunden die Sauna in Beschlag. Ansonsten sind die Ruhe und der Charme Khakusys kaum zu überbieten, und wer mitten in der Nacht in einer heissen Quelle liegend den funkelnden Sternenhimmel bestaunt oder in langen Wanderungen am Strand dem Rauschen des Baikal lauscht, wird ohne Zweifel an Körper und Geist gestärkt nach hause zurückkehren.
Rashit, der unermüdliche Planer
Ungeachtet dessen und trotz der verhältnismässig guten Verkehrsverbindungen finden nach wie vor nur wenige Russlandreisende an den nördlichen Baikal. Dank seinem Freund Rashit kann Valodja in den Sommerferien wenigstens hin und wieder einige Touristen per Schlauchboot durch das fisch- und vogelreiche Mündungsgebiet der Oberen Angara schippern. Rashit Yahin ist wie so viele mit der BAM hierhergekommen und hat lange Jahre für die Bahn gearbeitet, ehe ihn 1994 ein Schlaganfall halbseitig lähmte und in den Rollstuhl zwang. Doch obwohl er kaum mehr sprechen kann, ist der inzwischen Siebzigjährige einer der umtriebigsten Männer am nördlichen Baikal. Über Internet kommuniziert er aus seiner Wohnung mit der halben Welt, betreibt unablässig Werbung für seine Wahlheimat und organisiert Unterkünfte, Boots- und Trekkingtouren. Seine neueste Idee sind Reisen für Rollstuhlgängige. „Wir haben hier immerhin etwa 80 Kilometer brauchbare Strassen“, meint er überzeugt. „Die sind zwar hügelig, aber dafür erreicht man sogar im Rollstuhl einige fantastische Aussichtspunkte.“ Um zu beweisen, dass es sich dabei um mehr als eine Schnapsidee handelt, hat er die Sache im vergangenen Jahr gleich selbst ausprobiert und ist an einem kühlen Septembermorgen zu seinen Freunden nach Nishneangarsk gerollt. Als er spätabends nach hause kam, hatte er über 45 Kilometer zurückgelegt.
Valodja verpackt derweil seine Schlauchboote für den Winter. Nachdem wir in Khakusy von einer für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Wärmeperiode profitieren konnten, hat der Herbst nun doch noch Einzug gehalten. Als wir am Morgen vor unserer Abreise durch das Küchenfenster auf den Baikal blicken, ist er aufgewühlt und düster, und es regnet in Strömen. „Gut möglich, dass das Flugzeug gar nicht startet“, meint Valodja mit einem skeptischen Blick auf die grauen Wogen. Auch das wäre uns recht. Denn Zeit, um den Baikal in seiner ganzen Grösse zu erfassen, hat man ohnehin nie genug.
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Bester Ausgangspunkt für Baikalreisen ist Irkutsk, von Moskau aus mehrmals täglich per Flugzeug zu erreichen - die 5100 km lange Anreise mit der Transsib ist ungleich schöner, dauert jedoch 90 Stunden. Beste Reisezeit: Juni bis August. Unterkünfte am Nordufer sind rar, lediglich in Severobaikalsk gibt es einige Hotels. Weitere Informationen und Tourangebote erteilt Rashit Yahin unter www.gobaikal.com. Für die Sommermonate ist eine Zeckenimpfung unbedingt erforderlich. Literatur: Bodo Thöns: Den Baikalsee entdecken. Trescher-Reihe Reisen. / Athol Yates, Nicholas Zvegintzov: Siberian BAM Guide - Rails, Rivers and Roads. Trailblazer. / Colin Thubron: In Siberia. Chatto & Windus. (bs)
Erschienen: 18. Juni 2007; Zürcher Oberländer und Anzeiger von Uster