In kaum einer anderen Stadt der Welt hat gesundes Essen einen solchen Stellenwert wie in San Francisco. Die Stadt ist ein Hot Spot für Foodies und inzwischen auch für digitale Innovation auf dem Teller. Das haben auch Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé längst erkannt.

Stephanie Naegeli gehört zum Silicon Valley Innovation Outpost Team und weiss genau, was sich in Sachen Food-Trends tut.

SWISS Travel Guide: Kalifornien und San Francisco – das gelobte Land für alle, für die Essen nicht blosse Nahrungsaufnahme bedeutet. Warum hat sich die Food-Kultur gerade dort so stark entwickelt?

Stephanie Naegeli: In Kalifornien kommen verschiedene Dinge zusammen. Zum einen versorgt dieser Bundesstaat quasi die gesamten USA mit Agrar-Produkten. Er ist also per se eine Art Food-Hub. Zum anderen hat die Hippie-Kultur dort einen wichtigen Grundstein für Innovation jeglicher Art gelegt. Es herrschte - und herrscht - einfach eine andere, viel offenere Denk- und Sichtweise auf die meisten Dinge. Eben auch was das Essen angeht: Wir bauen frisch an, mit alternativen Methoden, wir kochen selber usw. Eine Strömung, die schon vor über 40 Jahren eingesetzt hat! Es hat nur sehr lange gedauert, bis dieser Trend auch im Mainstream angekommen ist. Schon in den 70er Jahren haben sich in San Francisco die ersten offenen Küchen entwickelt, die Transparenz demonstrieren und alle am Kochprozess teilhaben lassen wollten. Ausserdem wollte man weg vom französischen „high end“-Kochen, mit teuren Luxus-Zutaten. Stattdessen wurden bewusst einfache und natürliche Lebensmittel benutzt. Nicht zuletzt ist Kalifornien auch ein ethnischer Melting-Pot: Asiaten, Latinos, Europäer und natürlich Amerikaner leben dort zusammen. Diese Mischung aus verschiedenen Kontinenten bringt etwas ganz Besonderes nach Kalifornien und San Francisco – nicht nur, was das Essen betrifft.

SWISS Travel Guide: Wie sehr hat sich der Californian Lifestyle auch auf Deine Lebens- und vor allem auf Deine Essgewohnheiten ausgewirkt?

Stephanie Naegeli: Der hat sich sehr stark auf meine Lebens- und Essgewohnheiten ausgewirkt. Ich würde sagen, ich ernähre mich definitiv gesünder als ich es in der Schweiz getan habe, esse zum Beispiel viel mehr Fisch und Meeresfrüchte als früher. Drei Mal in der Woche bestimmt, weil es hier natürlich das Angebot gibt und alles sehr frisch und nicht so teuer ist. Pasta, zum Beispiel, esse ich kaum noch, dafür sehr viel Gemüse. Und natürlich probiere ich immer wieder neue Sachen aus, das passiert quasi automatisch, wenn man sich ständig mit Food Trends auseinandersetzt. Und: Ich habe damit begonnen, mein eigenes Brot zu backen. In Amerika ist das ja so eine Sache mit gutem Brot – selbst in San Francisco. Dazu benutze ich eine wilde Hefe-Sorte, die ich im Kühlschrank züchte.

SWISS Travel Guide: Was sind denn die grossen, wichtigen Trends in der Food-Szene?

Stephanie Naegeli: Gesundes, frisches und nachhaltiges Essen ist Thema Nummer eins und wird es sicher noch eine Weile bleiben. Da gibt es auch noch jede Menge auszuprobieren. Interessant ist, dass immer mehr Menschen einerseits den Wunsch haben, sich wieder möglichst natürlich zu ernähren, also ursprüngliche Zutaten aus biologischem Anbau zu verwenden. Gleichzeitig aber steigt die Nachfrage nach synthetisch hergestellten Ersatz-Produkten für Fleisch, Eier und Milchprodukte. Das geht einher mit der steigenden Zahl an Vegetariern und Veganern, die aus den unterschiedlichsten Motiven auf tierische Produkte verzichten wollen. Viele Küchen-Chefs machen das inzwischen zum Konzept ihrer Restaurants. Und so langsam ist dieser Trend ja auch in Europa angekommen. Dann gibt es in und um San Francisco immer mehr so genannte „Pop-Up-Restaurants“. Das bedeutet, das Küchenchefs für einen Abend oder eine bestimmte Zeit in einer dafür zur Verfügung stehenden Location am Herd stehen. Eine tolle Möglichkeit für Jung-Köche, sich auszuprobieren, ohne gleich ein Restaurant eröffnen zu müssen.

SWISS Travel Guide: Nestlé arbeitet ja mit Start Ups und jungen Unternehmen aus der Bay Area zusammen, die innovative, digitale Ideen für den Food-Sektor haben. Welche zum Beispiel?

Stephanie Naegeli: Da gab es schon einige Projekte, zum Beispiel im Bereich digitale Business Modelle. Wir wollen verstehen, wie digitale Technologie das Leben verändern, wie sich Shopping- und Koch-Gewohnheiten verändern . In San Francisco sehen wir ganz stark das Wachstum von Startups, die Essen on demand liefern: Frische Zutaten, die entweder gekocht oder roh und vorgeschnitten mit Rezeptanweisung das nach Hause gebracht werden. Für uns war diese Entwicklung interessant und wir haben uns gefragt, welche Rolle Nestlé dabei spielen könnte und wie unsere Produkte in diesem Umfeld funktionieren. Um Erfahrungen zu sammeln, haben wir unter anderem mit „Spoon Rocket“ zusammengearbeitet. Das ist ein Startup, bei dem man über eine App aus vier Essens-Variationen eine wählen kann, die dann frisch zubereitet und in nur zwanzig Minuten geliefert wird. Ein anderes Projekt hatten wir mit einer Recipe Box-Company "Chef'd", die on demand Rezepte und Zutaten liefert.

SWISS Travel Guide: Was sind denn die grössten Herausforderungen der Zukunft für Unternehmen in der Food-Branche?

Stephanie Naegeli: Ein grosses Thema schon jetzt ist zum Beispiel Übergewicht bei Kindern. Das wird uns auch weiter beschäftigen und zu einem Problem, wenn sich nichts ändert. Schuld daran sind Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- und Kohlehydrat-Anteil – wie bei vielen Fast Food-Produkten und Soda Getränken. Und da sieht sich auch Nestlé in der Verantwortung. Für uns ist es eine wichtige Aufgabe, herauszufinden, was mögen Kinder, was haben sie für Essgewohnheiten und wie kann man Lebensmittel anbieten, die schnell zubereitet und trotzdem gesund sind.“