«Heute ist die Schweiz auch mein Zuhause»

Von den Ausläufern des Himalayas nach Möriken-Wildegg, von der Uni in Kolkata ins Aargauer Kunsthaus – und immer wieder über den Wolken mit SWISS: Ishita Chakraborty führt ein Leben zwischen den Welten. Ihre Kunst erzählt von Sprache, Erinnerung und Stimmen, die sonst oft überhört werden.

Der erste Ausstellungsraum im Aargauer Kunsthaus wirkt hell und freundlich. Die Wände zieren grossflächige Kreidezeichnungen von verschiedenen Pflanzen. Einige von ihnen wirken aufgrund der aufgeklebten Stofffragmente fast dreidimensional. «Die Stoffe gehörten einst zu Saris. Genauer gesagt zu indischen Sari Stoffen namens „Chapa“, was „Druck“ bedeutet.», erklärt Ishita Chakraborty. Die 35-Jährige ist die Schöpferin des Werkes an der Wand des Aargauer Kunsthauses. 2024 gewann die junge Frau, die ursprünglich aus Kolkata in Indien stammt, den Manor Kunstpreis. Dieser verschaffte ihr die Einzelausstellung im Kunsthaus in Aarau.

Der erste Ausstellungsraum im Aargauer Kunsthaus zu Ishitas Einzelausstellung.  Bild: Nathanael Gautschi
Der erste Ausstellungsraum im Aargauer Kunsthaus zu Ishitas Einzelausstellung. Bild: Nathanael Gautschi


Doch was Ishita als Künstlerin auszeichnet, sind nicht die ästhetischen Zeichnungen, die sich über die Wände erstrecken und auch nicht die gläsernen Absperrungen, die als einzige Installation in diesem ersten Raum stehen. Es sind Botschaften, die hinter der Kunst stecken. «Ich möchte einen Raum für alle jenen Stimmen bieten, die sonst nicht zu Wort kommen», erklärt sie. «Ich denke, wir sollten uns immer fragen, wer sprechen kann und welche Stimmen tatsächlich auch gehört werden», sagt sie mit einem Nachdruck, der zeigt, wie wichtig ihr dieser Aspekt ihrer Kunst ist. Das Wandgemälde O bastante! (portugiesisch für: Genug ist genug!) entstand nach einer dreimonatigen Residenz im brasilianischen Amazonasgebiet. «Es steht unter anderem für die Ausbeutung und Zerstörung unberührter Ökosysteme», so die Künstlerin.

 

In Indien unterrichtete sie Kunst an einer Universität

Ishita in ihrem Studio in Schönenwerd. Bild: Nathanael Gautschi
Ishita in ihrem Studio in Schönenwerd. Bild: Nathanael Gautschi

Im Gespräch mit Ishita kommt teilweise fast das Gefühl auf, mit einer Person zu sprechen, die schon mehrere Leben gelebt hat. Ihr Leben in der Schweiz begann 2017. «Ich kam durch ein ‘Artist in Residence’-Programm des Gästeateliers Krone in Aarau in die Schweiz. Es gibt seit vielen Jahren einen Austausch zwischen Indien und der Schweiz. Alle zwei Jahre darf eine Künstlerin oder ein Künstler für sechs Monate in die Schweiz kommen.»


In Kolkata, einer Millionenmetropole im Osten von Indien, unterrichtete die damals 27-Jährige bildende Kunst an einer Universität. «Ich war in einer privilegierten Situation», erklärt sie. «Ich wollte aber nicht mein ganzes Leben an einem Ort verbringen und immer den gleichen Job machen, also kam ich nach Aarau. Die Aargauer Kantonshauptstadt sei nicht ihre erste Wahl gewesen. «Ich habe mich auch für eine Residenz in Paris beworben. Als ich meinem Vater erklärte, dass ich in die Schweiz reise, hat er mich beglückwünscht. Er sagte, viele würden für die Flitterwochen in die Schweiz reisen. Und dass ich glücklich sein könne, sechs Monate in einem der schönsten Länder der Welt zu verbringen.» So waren sie dann auch, diese ersten sechs Monate in der Schweiz. «Ich war wie in einer Flitterwochenphase von so vielem begeistert und manchmal auch verwirrt, wenn ich nicht wusste, welchen Käse ich im Laden auswählen soll.»

 

Sprache als Schlüssel in einem neuen Land

Nach sechs Monaten kehrt Ishita nach Kolkata zurück und lernte Deutsch für die geplante Rückkehr in die Schweiz. «Ich habe mich nie gezwungen gefühlt, die Sprache zu lernen. Ich wollte immer ein Teil der Gesellschaft sein und neue Menschen kennenlernen. Ich bin der Meinung, dass die Sprache dafür der Schlüssel ist. Alle diese Freundschaften und Beziehungen, die ich hier über die Jahre gebildet habe.» Doch Ishita fand nicht nur Freunde in der Schweiz, sondern festigte auch ihren Ruf als Kunstschaffende national. Ihre Werke wurden unter anderem auch in Zürich und Nyon ausgestellt.


Für ihre Kunst und ihre Familie zieht es Ishita oft in die ganze Welt. «Sehr oft mit SWISS», erklärt sie. «Ich schätze den Direktflug nach Delhi sehr.» Dort besucht sie ihre Schwester und die Galerien, mit denen sie zusammenarbeitet. «Ich reise gern. Reisen bereichert einen auf so viele Arten: Man sammelt Wissen, lernt Menschen kennen.»
Das Leben in Indien sei ein anderes, sagt Ishita. «Dort ist alles viel, viel lebendiger, aber auch viel spannungsgeladener. Es passieren so viele Dinge in Sekundenbruchteilen. Die Straßen sind bunt und voller Leben, es gibt so viele verschiedene Sprachen und Kulturen. Es gibt aber auch viele Probleme, unter anderem mit dem Kastensystem. Es gibt einfach sehr viele Menschen. Wenn man so viele Probleme von klein auf sieht, prägt das einen.»

Ishita Chakrabortys Ausstellung im Aargauer Kunsthaus in Aarau läuft noch bis am 24. August 2025. Am Sonntag, 17. August 2025, findet zudem noch ein Talk mit ihr und dem Antrophologen Jeremy Narby statt.

 

Interview: Anja Suter und Tanja Fegble

Text: Anja Suter

Publiziert: 12.09.2025


In der Schweiz lebt Ishita in Möriken Wildegg, im Kanton Aargau, einem Dorf mit knapp 5000 Einwohnenden. «In der Schweiz mag ich, dass es so ruhig ist. Ich kenne diese Ruhe von den Menschen aus den Himalayas, wo ich zum Teil aufgewachsen bin. Ich weiss, das alles klingt wie ein Klischee. Aber ich glaube fest, diese Landschaft macht etwas mit unserem Denken und unseren Körpern. Ausserdem schätze ich die grössere Sicherheit, die ich hier als Frau verspüre. «Ich kann hier um drei Uhr morgens allein nach Hause laufen. Das ist sehr schön.»
Früher, erklärt Ishita, habe sie immer ungeduldig darauf gewartet, wieder nach Indien fliegen zu können. «Ich lebte zwar schon hier in der Schweiz, aber dort war mein richtiges Zuhause.» Heute besucht sie ihre Heimat und ihre Liebsten immer noch sehr gerne. «Aber heute ist die Schweiz auch mein Zuhause.»