Sie alle haben unterschiedliche Arbeitswege und Gedanken am Morgen. Der Zug streift Ehimes Küste; kleine Inseln und Brücken verschwimmen im Morgennebel. Der Geschäftsmann Gavriil Paravalos geht in Gedanken die letzten Punkte der Verhandlung durch. Vier Tage Gespräche liegen hinter ihm. In Yokohama hat der Manager Jan Babatz bereits E-Mails beantwortet und freut sich auf das Gespräch mit seinem Senpai (先輩): ein älterer oder erfahrenerer Arbeitskollege, der teilweise auch die Rolle eines Mentors übernimmt. Die Pharmazeutin Hannah Miyatake steht im Zug der Odakyu-Linie, scheinbar vertieft in ihr Smartphone und nimmt doch jede Bewegung wahr. Zeitgleich geniesst Lawrence Ryan seinen 30-minütigen Arbeitsweg in Tokio. Seit fünf Jahren leitet er dort den Vertrieb der Lufthansa Group Airlines in Japan, einschliesslich SWISS.
So verschieden ihre Wege auch sind, einen gemeinsamen Nenner verbindet sie: das Verständnis der japanischen Businessetikette-Erfolg beginnt hier mit Haltung.
Respekt zeigt sich im Körper
Respekt zeigt sich in Japan oft zuerst im Körper. Während in Europa eine Umarmung unter Geschäftspartnern üblich sein kann, wirkt dieselbe Geste in Japan schnell zu direkt. Gavriil Paravalos, ein europäischer Geschäftsmann aus der Schifffahrtsindustrie, umarmt nach einem viertägigen Business-Meeting einen Geschäftspartner aus Fukuoka. Der japanische Partner erstarrt kurz. «Das ist zu viel Nähe», beschreiben es seine Augen.
Hannah Miyatake, eine Pharmazeutin aus Tokio erklärt die Logik dahinter: Je mehr Respekt man zeigen möchte, desto tiefer verbeugt man sich. Die Länge und Tiefe der Verbeugung vermitteln unterschiedliche Grade der Aufrichtigkeit – Respekt ist hier keine einstudierte Bewegung, sondern eine Haltung.
Ein prägnantes Beispiel ist die Übergabe der Visitenkarte, dem Meishi. In Japan sind gedruckte, physische Business-Karten nach wie vor Pflicht. Jan Babatz, ein Manager in der Bierindustrie, der seit über zwei Jahrzehnten in Japan lebt und arbeitet, beschreibt den Prozess so: Die Karte wird mit beiden Händen überreicht und entgegengenommen, aufmerksam betrachtet und sorgfältig abgelegt. Aufrichtigkeit steht im Zentrum. Man sollte nicht mehr darstellen, als man ist. Oft folgt eine leichte Verbeugung. Auch kleine Gesten wie ein sorgfältig ausgewähltes Omiyage (Mitbringsel) spielen eine wichtige Rolle. Vertrauen entsteht langsam, manchmal dauert es bis zu zwei Jahre, bis eine Geschäftsbeziehung zustande kommt. Deshalb betont er: «Dein Wort ist Gold wert. Halte auch kleine Versprechen ein.»
«Dein Wort ist Gold wert. Halte auch kleine Versprechen ein.»
Manager in der Bierindustrie
«Die Ehre ist spürbar» – Haltung statt Regelwerk
Wer in Japan Geschäfte macht, begegnet einem System, in dem Hierarchie, Harmonie und Kontextsensibilität zentrale Prinzipien sind. Gavriil Paravalos beschreibt seinen ersten Eindruck so: «Man spürt den Stolz und die Ehre. Es ist, als würde man sich in einem Film voller Kaiser und Könige bewegen.» Auch ohne Vorwissen wird deutlich, dass man respektvoll und vorsichtig agieren muss, sichtbar in Körpersprache, Sitzordnung und Tonfall.
Meetings: Direkt, still und pünktlich
Meetings beginnen auf die Minute pünktlich. Wer erst zur vereinbarten Zeit erscheint, gilt bereits als zu spät. In Japan ist es üblich, mindestens fünf Minuten früher zu erscheinen. «Japaner: innen sind immer pünktlich. Sie respektieren deine Zeit», sagt Gavriil Paravalos. Selbst der Ranghöchste entschuldigt sich bei kleinsten Verspätungen. Das Meeting startet direkt, ohne Small Talk. Die Agenda steht im Mittelpunkt, man kommt direkt zum Punkt.
Eisbrecher kommen, wenn überhaupt, erst am Ende und nur, wenn man sich bewiesen hat. Meetings sind fordernd und verlangen hohe Konzentration. Jan Babatz erklärt, dass dies am Kommunikationsrhythmus liegt: Man fällt sich nicht ins Wort, lässt Denkpausen zu und vermeidet direkte Konfrontation. Sein Rat: das Wort «Nein» möglichst vermeiden und sich der Umgebung anpassen. Nicht der Lauteste wird gehört – wer zu sehr auffällt, riskiert, anzuecken. Oder wie ein japanisches Sprichwort sagt: 出る杭は打たれる (Deru kui wa utareru) – «Der herausstehende Pfahl wird eingeschlagen.»/Wer heraussticht, wird zurechtgestutzt.
Kommunikation: Die Macht der Worte
«Die Wortwahl verrät deinen Charakter und deine Persönlichkeit», sagt Hannah Miyatake. In ihrem Arbeitsalltag in der Pharmazie zeigt sich, wie stark Sprache und Rücksichtnahme widerspiegelt. Ein Telefonat folgt klaren Strukturen: Dank, Vorstellung, Kontext. Ein typischer Einstieg lautet: «Vielen Dank für Ihre Unterstützung…» Fehlen solche Elemente, fällt das sofort auf. Ein schlichtes «Ah, ja» oder das Weglassen des Namens wirkt schnell halbherzig. Gleichzeitig bleibt sie reflektiert: «Wenn ich meinen Frust ins Gespräch einfliessen lasse, wird die Kommunikation noch schwieriger.» Also schweigt sie. Denn Kommunikation findet oft im Ungesagten statt – in Japan spricht man von 空気を読む (Kūki o yomu) – «Die Luft lesen.»/Die Stimmung erfassen; unausgesprochene Erwartungen verstehen.
«Die Wortwahl verrät deinen Charakter und deine Persönlichkeit»
Pharmazeutin aus Tokio
Zwischen den Zeilen: Wenn Schweigen Respekt ist
Nicht alles, was nicht gesagt wird, ist bedeutungslos. Hannah Miyatake sagt: «Es fällt mir schwer, meine eigene Meinung zu äussern. Ich möchte niemanden verletzen.» Lawrence Ryan, beobachtet dasselbe Phänomen als Vertriebsleiter in der Luftfahrtindustrie: «Menschen in Japan sind zurückhaltender, aber nicht, weil sie keine Meinung haben, sondern aus Respekt.» In seinen Meetings lässt er Diskussionen zunächst in kleinen Gruppen entstehen, bevor sie im Plenum geteilt werden – ein Ansatz, der sich als effektiv erweist. Auch Paravalos sagt: «Japaner sind sehr sensibel, auch wenn sie das nicht offen zeigen.» Dieses Verhalten spiegelt das japanische Prinzip von «Honne» und «Tatemae» wider – die Differenz zwischen innerer Haltung und äusserem Verhalten.
«Menschen in Japan sind zurückhaltender, aber nicht, weil sie keine Meinung haben, sondern aus Respekt.»
Vertriebsleiter in der Luftfahrtindustrie
Unsichtbare Regeln und neue Generationen
Neben der Sprache gibt es eine zweite Ebene: unausgesprochene Erwartungen. Traditionell gehörte es dazu, Vorgesetzten nachzuschenken, Sitzkissen vorzubereiten oder Bedürfnisse vorauszudenken – geprägt durch die Senpai-Kohai-Struktur, das Hierarchieprinzip zwischen Älteren und Jüngeren. Hannah Miyatake beobachtet jedoch, dass diese Kultur im Wandel ist. Jüngere Generationen haben weniger Berührungspunkte mit solchen Ritualen wie Trinkabenden nach der Arbeit, auch infolge der Corona-Pandemie.
Arbeitskultur: Disziplin und Anpassung
Die Arbeitswelt in Japan ist geprägt von hoher Konzentration und strenger Disziplin. Selbst in Grossraumbüros herrscht eine fast greifbare Ruhe – die meisten Mitarbeiter:innen lassen die Mittagspause aus, und wenn sie doch essen, dann meist allein. Entweder wollen sie ihre Ruhe geniessen oder vermeiden, dass sich ihre Arbeit auf die Kolleg:innen anhäuft. Zangyō – wörtlich «verbleibende Arbeit» – bedeutet Überstunden und entsteht hier häufig nicht aus Zeitmangel, sondern aus sozialem Druck. Auch die Urlaubsplanung richtet sich nach den ungeschriebenen Regeln des Teams: Zwei Wochen Urlaub am Stück, was im Westen selbstverständlich erscheint, werden oft kritisch betrachtet. Wer sich nicht an diese Gepflogenheiten anpasst, hat es schwer, ernst genommen zu werden. Es ist nicht unüblich, dass sich Kolleg:innen am Feierabend fast entschuldigend mit einem leisen «Osaki ni shitsurei shimasu» – «Entschuldigung, dass ich schon früher gehe» – verabschieden.
Kulturelle Missverständnisse sind leicht zu beobachten. So wurde Ryan geraten, «kein pinkes Hemd» zur Arbeit zu tragen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass solche Regeln vor allem in traditionellen Unternehmen gelten, in denen üblicherweise ein weisses Hemd und ein schwarzer Anzug erwartet werden. Für moderne Unternehmen sind solche Kleidervorschriften längst nicht mehr so strikt, doch das Bewusstsein für die ungeschriebenen Regeln bleibt allgegenwärtig.
«Die Welt kann viel von Japan lernen.»
Europäischer Geschäftsmann aus der Schifffahrtsindustrie
Zwischen Anpassung und Identität
Als Ausländer:in geniesst man zunächst einen gewissen «Gaijin-Bonus». Doch langfristig zählt Integration. Kleine Gesten wie ein «Otsukare sama deshita» – Danke für Ihre Bemühungen/ geleistete Arbeit – werden geschätzt. Am Ende bleibt die Frage: Wie weit passt man sich an und wo bleibt man sich selbst und seiner Kultur treu? Lawrence Ryan betont, wie wichtig es ist, sich als privilegierten Gast zu verstehen und entsprechend respektvoll zu handeln. Sein Rat: Möglichst viel von der Sprache lernen, das Land kennenlernen und Geduld mitbringen.
Dennoch hinterlässt Japan Menschen oft auf subtile Weise seine Spuren. Selbst in unerwarteten Situationen wirken diese Eindrücke nach; in vielen Menschen lebt ein Teil davon fort. Auch weit entfernt zeigen sich Gesten wie eine automatische Verbeugung oder ein respektvoller Vortritt gegenüber anderen ganz unbewusst.
Erfolg basiert weniger auf Durchsetzungskraft als auf Feingefühl. Businessetikette bedeutet hier, Respekt, Geduld und Verlässlichkeit zu leben geprägt von einem kollektiven Denkansatz. Oder wie Gavriil Paravalos sagt: «Die Welt kann viel von Japan lernen.» Und manchmal zeigt sich dieser Respekt ganz leise: Als derselbe Geschäftspartner ihn beim nächsten Treffen selbst umarmt. Ein Zeichen dafür, dass aus Verständnis Vertrauen geworden ist.
Authorin: Jennifer Mebae Bähler, Autorin dieses Beitrags und SWISS Mitarbeiterin, verbindet japanische und schweizerische Wurzeln. Aufgewachsen in beiden Ländern, kennt sie die Kulturen aus eigener Erfahrung. Seit sechs Jahren unterrichtet sie Japanisch und gibt ihr Wissen über Sprache, Kultur und Werte weiter. Ihre Neugier auf Japan ist dabei ungebrochen: Bis heute liebt sie es, das Land immer wieder neu zu erkunden und verborgene Facetten zu entdecken.
Bilder: Jennifer Mebae Bähler
Veröffentlicht am 18.09.2026