Glamour auf Schienen: Das Comeback der Luxuszugreisen

Mehrtägige Fahrten in exquisiten Schlaf- und Salonwagen erleben ein glanzvolles Revival – mal mit nostalgischem Charme, mal in visionärem Design. Ein Blick auf die Highlights der neuen «Rail Renaissance», von Italien über Grossbritannien bis nach Japan.

 

Italiens neuer Luxuszug:

#1 La Dolce Vita Orient Express

Nach langen Markenrechtstreitigkeiten um die Wortmarke «Orient Express» bringt die französische Accor-Gruppe in Kooperation mit der italienischen Staatsbahn Trenitalia einen eigenen Luxuszug auf Italiens Schienen. Seit April 2025 rollt der neue Orient Express durch das Land. Von aussen erstrahlt er im klassischen Art-déco-Stil, das Interieur hingegen ist vom Glamour der 1960er- und 70er-Jahre inspiriert und überzeugt mit modernem Twist. Sein Design vermittelt eher das Gefühl eines eleganten Boutiquehotel als eines Bahnwagens. Der Zug verkehrt auf ausgewählten, teils wenig befahrenen Routen innerhalb Italiens, meist als zwei- bis dreitägige Rundreisen ab Rom mit Zielen wie Venedig, der Felsenstadt Matera oder der Toskana. Ein besonderes Highlight ist die Strecke von Rom nach Palermo: Die spektakuläre Überfahrt mit der Fähre über die Strasse von Messina gehört zum Reiseerlebnis. Während die Passage der Meerenge zwischen Kalabrien und Sizilien nur etwa dreissig Minuten dauert, nimmt das Verladen der Züge fast zwei Stunden in Anspruch.

 

Englands exklusivste Zugreise :

#2 Britannic Explorer

Obwohl England als Wiege der Eisenbahn gilt, gab es dort bislang keinen Luxusschlafzug. Doch das ändert sich ab Juli 2025 – genau 200 Jahre nach der Inbetriebnahme der ersten öffentlichen Dampfeisenbahn, der russspeienden «Locomotion No. 1» – mit dem brandneuen «Britannic Explorer». Anders als die Pioniere von einst geniessen die Reisenden an Bord des jüngsten Belmond-Zugs einen Komfort, der damals unvorstellbar war. Die 15 regulären und drei Grand Suiten verfügen alle über ein eigenes Bad. Der Afternoon Tea wird im Observationswagen serviert, während die Landschaften von Cornwall, Wales oder Oxfordshire vorbeiziehen. Eine Wellness-Suite lädt zu Massagen und Schönheitsbehandlungen ein. Kulinarisch verwöhnt Simon Rogan, einer der wenigen britischen Köche mit drei Michelin-Sternen. Zu den Reisevergnügungen zählen die «offboard experiences»: Ausflüge in die Cotswolds oder den Eryri-Nationalpark, Schwimmen im Lake District oder ein Galeriebesuch in der Kunstfarm von Hauser & Wirth in Somerset. Die viertägigen Fahrten starten in der London Victoria Station.

 

Whisky, Highlands & Eleganz:

#3 Royal Scotsman

Ein weiteres rollendes Luxushotel von Belmond ist der Royal Scotsman. Die zehn mit Mahagoniholz verkleideten Waggons starten ab Edinburgh zu drei- bis siebentägigen Reisen durch die schottischen Highlands. Dabei geht es weniger um die zurückgelegten Bahnkilometer – diese sind überschaubar – als vielmehr um ein facettenreiches Schottland-Erlebnis für die maximal 36 Passagiere. Dazu gehören Aktivitäten wie Angeln, Schloss- und Gartenbesichtigungen, Begegnungen mit lokalen Persönlichkeiten oder Whiskyverkostungen in renommierten Destillerien. Nachts bleibt der Nostalgiezug stehen, sodass die Reisenden einen ruhigen, ruckelfreien Schlaf geniessen können.

 

Auf 4'000 Kilometern durch Frankreich:

#4 Le Grand Tour

Alles neu im opulenten Stil der Belle-Epoque der 1920er-Jahre – vom Barwagen über die beiden Speisewagen bis zu den 15 Kabinen und Suiten, die jeweils mit einem eigenen Bad ausgestattet sind. Die Küche steht unter Leitung des Drei-Sterne-Kochs Alexandre Couillon. Die sechstägige Rundreise (fünf Nächte) startet in Paris und führt durch einige der schönsten Regionen Frankreichs: die Champagne, das Burgund, Avignon, Carcassone sowie Arcachon, La Rochelle und das Loiretal. Auf dem Programm stehen Besuche bei Bordeaux-Winzern, Austernzüchtern und Schlossherren. Bevor es nach Paris zurückgeht, steht noch ein Zwischenstopp im historischen Themenpark Le Puy du Fou an – der Veranstalter dieses neuen Luxuszugs. Die Jungfernfahrt ist für die zweite Jahreshälfte 2025 vorgesehen.

 

Entlang Spaniens grüner Nordküste:

#5 Tren Transcantábrico

Die spanischen Küstengebiete am Mittelmeer – rund um Barcelona, Valencia, Alicante oder Marbella – sind vielen ein Begriff. Weniger bekannt und daher auch weniger überlaufen ist die grüne Nordküste entlang des Golfs von Biskaya. Auf der 1000 Kilometer langen Strecke zwischen San Sebastián und Santiago de Compostela (oder in umgekehrter Richtung) rollt der Hotelzug «Tren Transcantábrico» und durchquert dabei in acht Tagen die vier Provinzen Baskenland, Kantabrien, Asturien und Galicien. Stopps in Bilbao, Santander, Santillana del Mar, Oviedo, Gijón, Ribadeo und einem weiteren Dutzend Städten und Küstenorten stehen auf dem Programm, ergänzt durch Ausflüge zu den Höhlen von Altamira, zu wilden Stränden und in den Nationalpark Picos de Europa. Betrieben wird der «Transcantábrico» von der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe, die originale Pullman-Wagen aus den 1920er-Jahren umrüsten liess. Nur 28 Gäste fahren bei Vollbelegung mit, entsprechend exklusiv ist das Reiseerlebnis. Auf derselben Strecke verkehrt zudem der etwas einfachere «Costa Verde Express» mit deutlich mehr Passagieren an Bord.

 

Der neue Glanz des Südostasien-Klassikers:

#6 The Eastern & Oriental Express

Nach einer längeren Pause entführt dieser Nobel-Zug die Reisenden in eine Welt wie aus einer Novelle von Somerset Maugham, während sie durch die mystische Landschaft Malaysias gleiten. Der behutsam modernisierte E&OE, der einst Singapur und Bangkok über Kuala Lumpur verband (die Belmond-Gruppe plant, die klassische Strecke bald wieder aufzunehmen), fährt derzeit auf dreitägigen Routen durch Malaysia, mit Start und Ziel in Singapur. Dschungelwanderungen, E-Bike-Touren und – mit etwas Glück – Tigerbeobachtungen im Taman Negara Nationalpark gehören zum Programm, ebenso Speedbootfahrten an Langkawis Stränden oder Kunst-Touren in George Town auf Penang. An Bord locken der Aussichtswagen, ein Dior-Spa mit zwei Behandlungsräumen sowie eine asiatisch-französische Fusion-Küche, betreut von Starchef André Chiang.

 

Zeitgemässe Hommage an Japan:

#7 Shiki-Shama

Das Land der Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge lässt sich auch im gemächlicheren Tempo erfahren. Drei luxuriöse Züge bieten faszinierende Einblicke ins echte Japan, allen voran der «Shiki-Shima» der East Japan Railway Company. Der champagnerfarbene Zug fährt auf zwei- bis viertägigen Rundreisen ab dem Bahnhof Ueno in Tokio in den Nordosten der Hauptinsel Honshu oder über eine unterirdische Verbindung zur nördlichen Insel Hokkaido, mit Stopps für geführte Ausflüge zu Tempeln, Gärten und Handwerksbetrieben. Das ultramoderne Design von Ken Okuyama in den zehn Waggons ist einzigartig. Auch Küche und Service machen die Reise für 34 Passagiere unvergesslich. Die «Maisonette-Suiten» mit Tatami-Matten und japanischen Badewannen erstrecken sich über zwei Etagen, selbst die Standard-Kabinen übertreffen viele klassische Luxuszüge. Einziges Manko: Die Crew spricht kaum Englisch. Wer einige Grundbegriffe auf Japanisch kennt, reist entspannter und ist nicht «lost in translation». Zudem ist der «Shiki-Shima» lange im Voraus ausgebucht – oft entscheidet das Los über die Ticket-Vergabe. Hervorragende Alternativen sind der «Twilight Express Mizukaze» auf Routen im Westen Japans und der «Seven Stars» auf der südlichen Insel Kyushu.

 

Text & Selektion: Claus Schweitzer



Publiziert am Dienstag, 10. Juni 2025