Sehnsucht nach der Welt
Lisa stammt aus dem Tessin, der sonnigen, italienischsprachigen Schweiz. Schon früh verspürte sie eine Sehnsucht nach der Welt draussen. Nach einem Jahr an einer Sprachschule in Florida begann sie ihre berufliche Laufbahn bei SWISS. «Flugbegleiterin bei SWISS war mein erster richtiger Vollzeitjob», erinnert sie sich. «Und rückblickend war es meine Schule fürs Leben Ich war neugierig, wollte etwas Neues und suchte eine Herausforderung.»
«Flugbegleiterin bei SWISS war meine Schule fürs Leben.»
Lisa Gregori, ehemaliges SWISS Cabin Crew Member & Unternehmerin
Über den Wolken entdeckte sie nicht nur ferne Länder, sondern vor allem sich selbst. Eigenschaften traten zutage, die zuvor im Verborgenen gelegen hatten. «Ich habe gelernt, dass man auch leise stark sein kann», sagt sie. Ihre Introversion wurde zur Stärke. Lisa lernte, Menschen zu lesen, Energien wahrzunehmen, Spannungen zu entschärfen – oft, bevor ein Wort ausgesprochen wurde. Empathie, Präsenz und innere Ruhe wurden zu ihren Werkzeugen.
Eleganz, Disziplin und Einfühlungsvermögen prägten diese Jahre. «Bei SWISS habe ich gelernt, dass Professionalität auch an schlechten Tagen sitzt», erzählt sie. Ein Satz einer Maître de Cabine begleitet sie bis heute: Die Uniform absorbiert alles und wenn man sie auszieht, lässt man los. Diese Ruhe und Stärke hat Lisa verinnerlicht: Haltung bewahren, selbst unter Druck.
Sprung ohne Netz
Doch irgendwann kam der Wunsch nach einem Tapetenwechsel. «Ich wusste, dass meine Zukunft nicht mehr in Europa liegt.» Es war einer dieser Momente, in denen man springt, ohne Netz, weil die innere Stimme leiser, aber klarer ist als jede rationale Überlegung.
«Shanghai fühlt sich an wie eine elegante, starke Frau. Unabhängig und freundlich zugleich»
Lisa Gregori
Shanghai war ihr nicht fremd. Durch SWISS hatte sie die Stadt bereits kennengelernt und ins Herz geschlossen. «Shanghai fühlt sich an wie eine elegante, starke Frau», sagt Lisa. «Unabhängig und freundlich zugleich. Die Stadt verändert sich ständig und bewahrt trotzdem ihren Charme. Diese Balance fasziniert mich.»
Also buchte sie den Flug und liess ihr sicheres Leben in der Schweiz zurück. Die erste Nacht in Shanghai war hart. Heimweh, Chaos in der Unterkunft, die fremde Sprache. Sie weinte und zweifelte. Doch schon am nächsten Tag, bei einem Spaziergang nach dem Chinesischunterricht, stand sie am Bund, dem Ufer des Flusses, und spürte das Potential ihres neuen Lebens.
Eine Marke entsteht
Jahre später endet immer noch fast jeder Lauf an genau diesem Punkt. Was als Neuanfang ohne klaren Plan begann, entwickelte sich langsam zu einer Vision - der Vision ein eigenes Unternehmen zu gründen. «Es fühlte sich natürlich an, fast wie ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin».
Farben, Formen, Stoffe und Psychologie - all das, was Lisa schon lange faszinierte, fügte sich zusammen. So entstand AD MAIORA, ihre eigene Marke, mit der sie individuelle Massschneiderei und Imageberatung anbietet, getragen von Schweizer Präzision und zeitloser Eleganz. «Präzision bedeutet für mich, Dinge richtig zu machen, auch wenn niemand hinsieht», erklärt sie. «Es ist eine Form von Respekt gegenüber dem Handwerk und dem Menschen.»
Ihre Kund:innen in Shanghai schätzen genau das: klare Linien, reduzierte Farben, ruhige Eleganz. Keine lauten Statements, sondern Kleidung, die Selbstvertrauen schenkt, manchmal nur für die Trägerin selbst sichtbar. Besonders berühren Lisa jene Momente, in denen Frauen ihr sagen, dass sie sich endlich wieder schön fühlen. «Wenn jemand versteht, warum bestimmte Farben oder Schnitte nie gepasst haben - das gibt mir Gänsehaut.»
Vieles aus ihrer Zeit als Flugbegleiterin ist geblieben, oft ganz unbewusst. Bevor Lisa einen Arbeitstag beginnt oder einen neuen Prozess angeht, hält sie kurz inne. Kleine, innere Briefings, mentale Checklisten. Was braucht es heute? Wo könnte es haken? Welche Lösung liegt bereit, noch bevor ein Problem entsteht? Diese Form der Vorbereitung, geschult in der Kabine, gibt ihr auch heute Struktur und Ruhe. «Ich bereite mich immer auf Situationen vor, die vielleicht nie eintreten», sagt sie. Ein Reflex aus den Jahren bei SWISS und eine Fähigkeit, die ihr als Unternehmerin in einem dynamischen Umfeld wie Shanghai täglich zugutekommt.
Gegen sechs Uhr morgens beginnt ihr Tag: E-Mails, Abstimmung mit den Schneidern und Termine mit Kundinnen. Inspiration findet sie im Huangpu District, dort, wo Geschichte und Moderne aufeinandertreffen. Shanghai ist für sie kein Kompromiss, sondern ein Möglichkeitsraum.
Genau hier, genau jetzt
Rückblickend haben sie die letzten zwölf Jahre geformt: als Frau, als Unternehmerin, als Mensch. «Ich habe gelernt, mir selbst zu vertrauen», sagt sie. «Etwas aus dem Nichts zu erschaffen und alleine zu stehen, ohne mich einsam zu fühlen.» Ihr Blick geht nach vorne: AD MAIORA soll international werden, vielleicht eines Tages auch im Mittleren Osten, irgendwo zwischen alter und neuer Welt.
Wenn Lisa heute am Bund steht, die Skyline vor sich, dann ist da keine Sehnsucht mehr nach dem, was hätte sein können. Nur Ruhe. Und Gewissheit. «Ich bin am richtigen Ort, genau hier, genau jetzt.»
Text: Susanne Dybizbanski
Bilder: Lisa Gregori
Publiziert am 16.01.2026