Vom rechten auf den linken Sitz

Sascha D’Angelo erfüllt sich bei SWISS einen Kindheitstraum. Nach zwölf Jahren im Cockpit steht er kurz vor dem grössten Schritt seiner Karriere: dem Upgrade zum Captain. Über Verantwortung, Führung, Sonnenaufgänge über den Wolken und warum ein DJ-Pult auch ins Pilotengepäck passt.

Als Sascha D’Angelo vor zwölf Jahren bei SWISS begann, sass er noch im Cockpit des Avro RJ100, intern liebevoll «Jumbolino» genannt. Heute steht er kurz davor, den vierten Streifen auf seiner Uniform zu erhalten. Nach Stationen auf der Airbus-A220-Familie und sechs Jahren auf der Boeing 777 befindet sich der 35-Jährige mitten in der Ausbildung zum Captain auf dem A220.

Der Moment könnte kaum spannender sein: Nur wenige Tage vor unserem Gespräch durfte er erstmals das Flugzeug vom linken Sitz aussteuern. In drei Tagen steht sein erster Linienflug mit Passagieren als angehender Captain an. «Nach meinem allerersten Flug mit Passagieren sind das wohl die aufregendsten Tage meiner gesamten Karriere», sagt er und lacht.

Pilot Sascha steht im Operation Center am Zürich Flughafen.
Sascha bereitet sich in der Crew Lounge im Operation Center am Flughafen Zürich auf den anstehenden Flug vor. © Calvin Leander

Mehr als nur die andere Seite des Cockpits
Wer glaubt, der Wechsel vom First Officer zum Captain bedeute lediglich einen Sitzplatzwechsel, irrt. Zwar beginnt auch die Captain-Ausbildung mit Theorie und Simulatortraining. Der entscheidende Unterschied folgt später.

In sogenannten «LOFT Sessions» – Line Oriented Flight Training – werden angehende Captains bewusst an ihre Grenzen geführt. Technische Probleme, Wetterverschlechterungen und operative Herausforderungen treffen gleichzeitig aufeinander. Ziel ist nicht, Fehler zu provozieren, sondern Führungsverhalten unter Druck sichtbar zu machen. «Man lernt, wie man in Stresssituationen reagiert», erklärt Sascha. «Und vor allem erkennt man: Man bleibt handlungsfähig. Gemeinsam mit der Crew findet man Lösungen und bringt das Flugzeug sicher ans Ziel.»

Führung jeden Tag neu
Die grösste Herausforderung sieht der gebürtige Freiburger allerdings nicht im Fliegen selbst, sondern in der Führung. Anders als viele Führungskräfte arbeitet ein Captain täglich mit neuen Teams. Jede Crew bringt andere Persönlichkeiten, Erfahrungen und Erwartungen mit. «Du läufst morgens ins Operations Center am Flughafen Zürich und weisst noch nicht, welche Menschen dich an diesem Tag begleiten werden», sagt Sascha. «Und trotzdem musst du innerhalb weniger Minuten eine Atmosphäre schaffen, in der sich alle wohlfühlen und ihr Bestes geben können.»

Über die Jahre hat er unzählige Captains erlebt und beobachtet. Die besten hätten eines gemeinsam gehabt: Sie schaffen eine positive Grundstimmung, bleiben gleichzeitig kompetent und stehen für ihre Crew ein. «Ich möchte jemand sein, der die ganze Klaviatur beherrscht», sagt er. «Humor haben, wenn es passt. Ernst sein, wenn es nötig ist. Und für die Crew da sein, wenn es darauf ankommt.»

Sascha im Crewbus mit seinen Kolleg:innen.
Für eine positive Atmosphäre sorgen und seiner Crew den Rücken stärken: Für Sascha sind das zentrale Aufgaben eines Captains. © Calvin Leander
Sascha im Layover mit seinen Kolleg:innen auf einer Rooftopbar.
Im Layover in Bangkok findet sich neben Erholung auch Zeit für persönliche Gespräche mit der Crew. © Calvin Leander

Faszination, die nie verblasst
Die Faszination fürs Fliegen begleitet Sascha seit frühester Kindheit. Als kleiner Junge durfte er auf einem Inlandsflug in Argentinien das Cockpit besuchen und kurz auf dem Sitz eines Piloten Platz nehmen. Was heute undenkbar erscheint, war damals möglich und wurde für ihn zum Schlüsselmoment. Der Besuch dauerte nur wenige Minuten, doch schon damals stand für ihn fest: Eines Tages möchte er selbst vorne im Cockpit sitzen.

Sascha als Kind im Cockpit.
Bitte Platz nehmen: Ein Besuch im Cockpit in Argentinien weckte bei Sascha früh die Leidenschaft fürs Fliegen. © Sascha D'Angelo

Der Weg dorthin war allerdings von Selbstzweifeln begleitet. Während seiner Ausbildung hielt er den Traum lange für unerreichbar. Heute versucht er, genau diese Erfahrungen weiterzugeben, unter anderem auf Social Media. Mit seinem Instagram-Kanal gibt er Einblicke in den Cockpit-Alltag und möchte vor allem junge Menschen ermutigen, ihren Traum zu verfolgen. «Ich sage immer: Versuch es. Du wirst es nur bereuen, wenn du es nicht machst.»

SWISS als Traumarbeitgeber

Dass er heute für SWISS fliegt, betrachtet Sascha keineswegs als selbstverständlich. Bereits während seiner Ausbildung in Frankfurt hörte er eine Präsentation über die damals neue C-Series von SWISS, den heutigen Airbus A220. Damals hätte er nie gedacht, selbst einmal Teil dieser Geschichte zu werden. Was ihn bis heute an SWISS fasziniert, ist die besondere Kultur: «Wir sind gross genug, damit alles professionell funktioniert, und gleichzeitig klein genug, damit man sich kennt und Ideen einbringen kann.»

Eine besondere Pointe liefert die Geschichte gleich mit: Einer der Piloten, die damals die C-Series in Frankfurt vorgestellt hatten, begleitet nun Saschas ersten Passagierflug als Captain in Ausbildung. «So schliesst sich der Kreis.»

Zwischen Cockpit und DJ-Pult

Wenn er nicht fliegt, widmet sich Sascha einer ganz anderen Leidenschaft: elektronischer Musik. Seit seiner Schulzeit legt er als DJ auf und produziert eigene Sets. Selbst im Layover, also während Aufenthalten mit Übernachtungen, begleitet ihn sein Hobby. Ein kompakter Controller findet problemlos Platz im Gepäck. «Mit Blick auf die Skyline von Singapur Musik zu machen. Das sind schon besondere Momente», sagt er.

Eine Idee verfolgt er bis heute mit einem Augenzwinkern: ein kleines DJ-Set in der Arrival Hall in Zürich am Tag der Street Parade, natürlich in SWISS Uniform. «Stell dir vor, die Gäste kommen an und werden von einem Piloten mit Musik begrüsst», sagt er lachend. «Ich glaube, das würden viele cool finden.»

Sascha am DJ Pult
Das Mischpult auf Reisen immer dabei: Für Sascha ist es ein Privileg, seine Leidenschaft für Musik und das Fliegen miteinander verbinden zu können. © Calvin Leander
Mit Blick auf die Skyline von Singapur.
Mit Blick auf die Skyline von Singapur.

Der nächste grosse Moment

Bevor es soweit ist, wartet jedoch ein anderer Höhepunkt. In einigen Wochen steht der finale Liniencheck an. Verläuft alles erfolgreich, folgt die offizielle Ernennung zum Captain und damit der vierte Streifen auf der Uniform.

Bis dahin bereitet sich Sascha akribisch auf jeden Flug vor. Aufregung gehört dazu. Oder wie er es selbst formuliert: «Ich freue mich darauf, den Ton für den Tag zu setzen, Verantwortung zu übernehmen und all das umzusetzen, was ich in den letzten zwölf Jahren gelernt habe.»