Vorne angekommen

Als Kind verzichtete Julia Schopf lieber auf materielle Geschenke und wünschte sich stattdessen Flüge, um ihren Vater auf Rotation begleiten zu können. Heute sitzt die 28-Jährige selbst im Cockpit eines Airbus A220 von SWISS. Auf Social Media und im Podcast «Cockpit Diaries» zeigt sie, wie aussergewöhnlich und zugleich alltäglich das Leben als Pilotin sein kann. Gleichzeitig setzt sie sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen im Cockpit ein.

Wenn Julia Schopf fliegt, nimmt sie nach Möglichkeit etwas Selbstgekochtes mit: Gemüse, Quinoa, etwas, das satt macht und sich unkompliziert mit dem Löffel essen lässt. Das SWISS-Schöggeli darf trotzdem nicht fehlen. «Die Kombination macht es», sagt sie und lacht. Seit Januar 2026 fliegt Julia für SWISS. Nach ihrer Ausbildung und den Einführungsflügen ist sie nun als First Officer unterwegs. Noch immer fühlt sich dieser Alltag nicht selbstverständlich an. «Langsam kommen diese Momente, in denen ich denke: Ich bin jetzt tatsächlich dort, wo ich immer hinwollte.»

Pilotin auf Flugzeugtreppe mit Flugzeug im Hintergrund
Julia Schopf ist seit Januar 2026 First Officer bei SWISS und fliegt den Airbus A220.

Lieber fliegen als Geschenke auspacken
Schon als Kind wusste Julia, dass sie einmal ins Cockpit möchte. Ihr Vater war mehr als 30 Jahre lang Pilot. Als sie etwa zehn Jahre alt war, durfte sie ihn erstmals auf eine Reise begleiten. «Da wusste ich: Das möchte ich auch.»

Später flog sie mit ihm auf Langstrecken rund um die Welt. Sobald sein Einsatzplan vorlag, überlegte sie, auf welchen Flügen sie ihn während der Schulferien begleiten konnte. «Meine Eltern fragten mich jeweils, ob ich lieber ein Geburtstagsgeschenk haben oder noch einmal mit meinem Vater mitfliegen möchte. Ich habe mich immer für den Flug entschieden.»

Dabei lernte sie nicht nur Sonnenaufgänge und ferne Städte kennen, sondern auch die weniger glamourösen Seiten des Berufs: lange Einsätze, unregelmässige Arbeitszeiten und viel Verantwortung. Ihr Vater liebte die Fliegerei, drängte seine Tochter aber nie, denselben Weg einzuschlagen. «Es gab keinen Druck. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war für mich klar: Das möchte ich machen.»

Im Januar 2026 ging ihr Vater in Pension, im selben Monat begann Julia bei SWISS. Zu einem gemeinsamen Flug im Cockpit kam es nicht mehr. Ein «fliegender Wechsel», wie die Familie es nannte. Sein letzter Einsatz wurde dennoch zu einem besonderen Familienmoment: Er absolvierte ihn gemeinsam mit Julias Verlobtem, der ebenfalls Pilot ist. Nun hofft Julia, ihren Vater bald als Passagier an Bord begrüssen zu dürfen. «So schliesst sich der Kreis.»

«Da möchte ich hin»
Der Weg ins Cockpit verlief für Julia nicht geradlinig. Nach dem Abitur studierte sie International Management und absolvierte anschliessend einen Master. Den Traum vom Fliegen verlor sie jedoch nie aus den Augen. 2022 begann sie ihre Pilotenausbildung in Bremen.

«Es waren wahrscheinlich die intensivsten und anstrengendsten zwei Jahre meines Lebens, aber gleichzeitig auch die schönsten.» Im Januar 2025 schloss sie die Ausbildung ab. Bei der anschliessenden Stellensuche stand für sie früh fest, wohin sie wollte. «SWISS war meine absolute Wunsch-Airline.»

Dass sie sich für SWISS entschied, hatte nicht nur mit der geografischen Nähe zu ihrer Heimatregion Stuttgart zu tun. Ausschlaggebend waren vor allem die Menschen, die sie während ihrer Ausbildung kennenlernte. An einem Infoanlass hörte sie einen SWISS Piloten über seinen Beruf sprechen. Seine Begeisterung blieb ihr im Gedächtnis. «Ich dachte sofort: Da möchte ich hin. So möchte ich irgendwann auch einmal über meine Arbeit reden.»

«Ich möchte zeigen, dass im Cockpit ein ganz normaler Mensch sitzt. Vielleicht denkt dann jemand: Wenn sie das kann, könnte ich es auch versuchen.»

Julia Schopf
SWISS Pilotin Airbus A220

Die Person sein, die ihr selbst gefehlt hat
Ihre Begeisterung für die Fliegerei möchte Julia weitergeben und vor allem mehr junge Frauen für den Pilotenberuf gewinnen. Dafür engagiert sie sich sowohl in internen Projekten als auch ausserhalb der Firma als Content-Creatorin. Dabei entspricht die Öffentlichkeit eigentlich gar nicht ihrem Naturell. «Ich bin kein besonders extrovertierter Mensch. Manchmal fühlt es sich bis heute komisch an, mich zu filmen oder fotografieren zu lassen.»

Dass sie dennoch online Einblicke in ihren Alltag gibt, hat mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Als Jugendliche kannte Julia keine einzige Pilotin. Über ihren Vater erhielt sie zwar Einblicke in die Fliegerei, jedoch fast ausschliesslich aus männlicher Perspektive.

In der achten Klasse bat sie ihn deshalb, ihr den Kontakt zu einer Pilotin zu vermitteln. Es dauerte einige Zeit, bis ihr Vater mit einer Pilotin im Cockpit sass. Julia stellte ihr all die Fragen, die sie beschäftigten: Was war in der Ausbildung besonders herausfordernd? Hatte sie ihre Berufswahl jemals bereut? «Es war damals fast die einzige Möglichkeit für mich, die Perspektive einer Pilotin kennenzulernen.»

Genau dieser Antrieb, Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern selbst nach Antworten zu suchen und Veränderungen anzustossen, prägt Julia bis heute. 2024 gründete sie gemeinsam mit Kollegin Anna den Podcast «Cockpit Diaries»; auf Social Media gibt Julia unter @julies.diaries Einblicke in ihren Beruf. «Ich möchte zeigen, dass im Cockpit ein ganz normaler Mensch sitzt. Vielleicht denkt dann jemand: Wenn sie das kann, könnte ich es auch versuchen.»

Dabei zeigt Julia nicht nur besondere Momente, sondern auch ihren ganz gewöhnlichen Alltag. «Wenn ich lustig bin, bin ich lustig. Wenn ich langweilig bin, bin ich eben auch einmal langweilig», sagt sie. 

Besonders berühren sie Nachrichten von jungen Frauen, die sich wegen des Podcasts oder ihrer Beiträge erstmals mit einer Pilotenausbildung beschäftigt haben. Einige sitzen heute selbst im Cockpit. «Das sind mit Abstand die schönsten Nachrichten, die ich in meinem Postfach finde.»

Hohe Ansprüche – vor allem an sich selbst
Im Cockpit fühlt sich Julia als Frau wohl. «Für mich ist entscheidend, dass die Person neben mir professionell arbeiten kann, egal in welcher Kombination. Meine Kolleg:innen sehen das genauso.» Pilot:innen durchlaufen dieselben Trainings und werden an denselben Standards gemessen. Eine Sonderbehandlung wünscht sie sich nicht. «Wir wollen dieselbe Messlatte, dieselben Anforderungen und dieselbe Verantwortung.»

Ausserhalb der Branche begegnen ihr dennoch Vorurteile. Fragen, ob Frauen technisch geeignet, körperlich stark genug oder zu emotional für das Cockpit seien, halten sich hartnäckig. Gelegentlich liest sie in sozialen Medien sogar Kommentare von Menschen, die nicht mitfliegen würden, wenn eine Frau im Cockpit sässe. Hassnachrichten blockiert sie. Bei sachlicher Kritik sucht sie dagegen das Gespräch.

Den grössten Druck machte sich Julia während der Ausbildung selbst. «Meine stärkste Kritikerin bin meistens ich selbst.» Selbstreflexion sei im Cockpit wichtig, aber ebenso die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, ohne zu hart mit sich ins Gericht zu gehen. Heute orientiert sie sich vor allem am Feedback ihrer Trainer:innen und Kolleg:innen.

Schlechte Physiknoten sind kein Ausschusskriterium
Mit einem weiteren Vorurteil möchte Julia aufräumen: Man müsse kein Physikgenie sein, um Pilot:in zu werden. In der Schule war sie nach eigener Aussage weder besonders gut in Physik noch herausragend in Mathematik. In der Flugschule gehörten die technisch geprägten Fächer dennoch zu den Bereichen, die ihr besonders lagen. «Der Unterschied war, dass mich die Themen interessiert haben und ich wusste, wofür ich sie brauche.»

Ein technisches Grundverständnis sei wichtig. Niemand müsse jedoch schon vor der Ausbildung sämtliche Systeme eines Flugzeugs verstehen. «Man kommt als Fussgänger in die Flugschule und geht als Pilotin oder Pilot wieder hinaus.» Wichtiger als perfekte Schulnoten seien Interesse, Disziplin und die Bereitschaft zu lernen.

Ausgleich am Boden
Nach einem Flug braucht Julia bewusst einen Ausgleich zum konzentrierten Alltag im Cockpit. Zu Hause – entweder in ihrer WG in Kloten oder bei ihrem Verlobten in Stuttgart – warten ihr Hund, Bücher und die Natur auf sie. Manchmal hilft ein Spaziergang, manchmal einfach Ruhe. «Man muss lernen, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören.»

Frau mit Hund
Nach intensiven Einsätzen im Cockpit findet Julia Ausgleich bei ihrem Hund Koda, Büchern und in der Natur.

Obwohl ihre Karriere gerade erst begonnen hat, hat Julia weitere Träume. Ein durchaus greifbarer Wunsch: ihren Verlobten Pascal einmal auf einem ihrer Flüge mitzunehmen. So, wie sie ihn bereits begleiten durfte. Langfristig träumt sie davon, einmal den Airbus A350 fliegen zu dürfen. «Viele Pilot:innen schwärmen davon, wie modern und ergonomisch das Cockpit gestaltet ist und wie angenehm die vergleichsweise ruhige Atmosphäre ist.» Auch ihr Vater ist immer Airbus geflogen.

Bis es auf die Langstrecke geht, möchte sie nun als frisch ausgecheckte Pilotin Erfahrungen sammeln, von Kolleg:innen lernen und ihren neuen Flugalltag geniessen. Sie will Destinationen entdecken, die während des Trainings zu kurz kamen, die Alpen aus der Luft betrachten und vielleicht eines Tages den Mut finden, selbst Schweizerdeutsch zu sprechen.

Vor allem aber möchte sie sich ihre Begeisterung bewahren: «Ich wünsche mir für mich und für alle Kolleg:innen, dass wir nie vergessen, wie besonders dieser Beruf ist.»

«Dies oder das» mit Julia

 

Start oder Landung?
Start. «Dieser Moment, in dem das Flugzeug beschleunigt und abhebt, begeistert mich bis heute.»

 

Pilot Flying oder Pilot Monitoring?
Pilot Flying.

 

Gang oder Fensterplatz?
Fensterplatz.

 

Tomatensaft oder Champagner?
Tomatensaft. «Ich trinke keinen Alkohol und mag Tomatensaft an Bord sehr gerne.»

 

Zürich oder Genf?
Zürich. «Dorthin zurückzukommen fühlt sich nach Heimkommen an.»

 

Kurz- oder Langstrecke?
Aktuell Kurzstrecke. «Ich mag die vielen Starts und Landungen, die unterschiedlichen Flughäfen und dass ich viel selbst fliegen kann.»

 

"Cabin crew prepare for departure" oder "cabin crew released"?
Prepare for departure. «Dann weiss man: Jetzt geht es los.»

 

Abenteuertrip oder Entspannung?
Entspannung. «In meinem Alltag erlebe ich bereits so viel, dass ich auch mal zwei Wochen am Strand ein Buch lesen kann.»

 

Gespräch im Cockpit oder Blick aus dem Fenster?
Beides. «Ich unterhalte mich gerne mit meinen Kolleg:innen und lerne von ihren Erfahrungen, aber ich schaue genauso gerne aus dem Fenster.»

Text: Tanja Fegble

Fotos: Julia Schopf

Publiziert am 27. Juli 2026