Als ich Daniel Meier per Videoanruf erreiche, sitzt er in einem Hotelzimmer in Rio de Janeiro und geniesst seine Ferien. Hinter ihm glitzert der Strand von Copacabana. Für viele ist eine solche Aussicht der Inbegriff der Ferne. Für Daniel Meier ist sie ein vertrautes Bild. Seit Jahrzehnten gehört die Welt zu seinem Arbeitsplatz.
Schon als Kind kam er mit seinem Vater, der ebenfalls Linienpilot war, nach Rio. «Das Fliegen wurde mir ein Stück weit in die Wiege gelegt», sagt er. Heute, mehr als fünf Jahrzehnte später, ist er gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und dessen Freundin zurückgekehrt. Gleichzeitig nähert sich ein anderer Meilenstein. Ende Jahr erreicht der langjährige SWISS Captain und Chief Technical Pilot die Altersgrenze für Linienpiloten bei SWISS und wird regulär pensioniert. Aufhören möchte er trotzdem noch nicht.
Ganz leicht fällt ihm dieser Gedanke nicht: «Jetzt, mit Blick auf die Pension, kommt schon Nostalgie auf», sagt der 60-Jährige. «Ich bin noch nicht bereit, das Fliegen aufzugeben. Ich fühle mich fit und gesund.» Daniel wirkt wach, voller Energie und begeistert von seinem Beruf. Nicht wie jemand, der bereits ans Aufhören denkt. Seit über 30 Jahren sitzt Daniel im Cockpit. Die Fliegerei hat ihn rund um die Welt geführt und einen grossen Teil seines Lebens geprägt. Und noch heute hat er das Gefühl, etwas beitragen zu können.
Vom Maschinenbau ins Cockpit
Daniels Airline-Karriere begann 1994. Nach einem Maschinenbaustudium entschied er sich für die Pilotenselektion und wechselte ins Cockpit.
Besonders gerne erinnert er sich an den Tag zurück, an dem er nach vielen Jahren auf der Langstrecke zum Captain ernannt wurde. «Als Captain trägst du die Verantwortung für das Ganze: für das Flugzeug, die Crew, die Passagiere und die gesamte Operation. Das macht die Aufgabe noch vielseitiger.»
Neben dem Fliegen übernahm er fast durchgehend zusätzliche Fachfunktionen. Zunächst als Technical Pilot, später als Chief Technical Pilot. In dieser Rolle sorgt er dafür, dass technische Neuerungen sicher in den Flugbetrieb integriert werden, passt Handbücher und Verfahren an und begleitet Überführungsflüge.
Trotz aller Technik spricht Daniel heute lieber über Menschen: über Briefings vor dem Abflug, gemeinsame Abendessen irgendwo auf der Welt und Crews, die sich morgens zum ersten Mal begegnen und wenige Stunden später als Team funktionieren. «Je länger ich fliege, desto mehr schätze ich die Zusammenarbeit mit den Menschen», sagt er. «Jede Crew wird neu zusammengesetzt und trotzdem funktioniert es.»
Genau das werde er vermissen.
«Je länger ich fliege, desto mehr schätze ich die Zusammenarbeit mit den Menschen.»
Pilot
Ein Horizont, der bescheiden macht
Wer regelmässig aus 10 000 Metern Höhe auf die Welt blickt, sieht das Leben vielleicht nicht grundsätzlich anders. Aber der Horizont werde grösser, sagt Daniel. «Viele Probleme, über die wir uns in der Schweiz Gedanken machen, erscheinen plötzlich in einem anderen Verhältnis. Das hält einen bescheiden.»
Auch privat gehört das Reisen für ihn zum Leben. Es sei für ihn beinahe Alltag, sagt er schmunzelnd. Nicht, weil er es nicht mehr schätze, sondern weil Bewegung und Ferne seit seiner Kindheit selbstverständlich sind. Nach der Pensionierung könnte er sich gut vorstellen, gemeinsam mit seiner Familie einmal für mehrere Wochen unterwegs zu sein.
Wenn Erfahrung Ruhe schafft
Mit den Jahren kamen zu den vielen Flugstunden auch Erfahrung und Gelassenheit. Das Grounding der Swissair, die Coronapandemie und viele unvorhergesehene Situationen haben Daniel gelehrt, auf Verfahren und Teamarbeit zu vertrauen. Früher sass er als junger Copilot manchmal etwas angespannter im Cockpit.
«Mit der Zeit gewinnt man Vertrauen darin, dass das, was wir trainieren, auch in schwierigen Situationen funktioniert.» Diese Erfahrung weiterzugeben, ist ihm wichtig. Gleichzeitig betont er, dass bei SWISS eine starke neue Generation heranwächst. «Wir haben viele junge, sehr gute Pilot:innen. Sie bringen frische Ideen und neue Dynamik mit.»
Ein Traum zum Abschluss
Zu den grossen Höhepunkten seiner Laufbahn zählt Daniel neben dem Schritt zum Captain auch die Überführung des zweiten SWISS Airbus A350, der HB-IFB, von Toulouse nach Zürich.
Schon nach wenigen Minuten merkt man, wie gerne er darüber spricht. «Der Airbus A350 ist ein technisches Meisterwerk, wahrscheinlich das Beste, was es derzeit gibt», sagt er. «Dass ich zum Abschluss meiner Karriere noch auf dieses Flugzeug wechseln konnte, ist für mich ein wahrgewordener Traum.»
Pension mit Fortsetzung
Dass Pilot:innen bei SWISS mit 61 Jahren pensioniert werden, kann Daniel grundsätzlich nachvollziehen. Für sich selbst fühlt sich der Zeitpunkt trotzdem etwas früh an. «Nicht nur persönlich, sondern auch volkswirtschaftlich gesehen ist es eigentlich etwas früh, komplett aufzuhören», sagt Daniel. «Ich habe das Gefühl, dass ich noch etwas beitragen kann.»
«Ich habe das Gefühl, dass ich noch etwas beitragen kann.»
Pilot
Auch bei anderen Pilot:innen beobachtet er, dass ihnen der Abschied schwerfällt. Wer jahrzehntelang Verantwortung getragen und im Team gearbeitet habe, könne diesen Teil seines Lebens nicht einfach von einem Tag auf den anderen ablegen. Ein Wechsel von 100 auf 0 passt daher nicht zu ihm. Deshalb möchte Daniel nach seiner Pensionierung einzelne Einsätze als Freelancer übernehmen. Bei SWISS ist dies bis maximal zum Alter von 63 Jahren möglich.
So kann er sein Wissen weitergeben und gleichzeitig mehr Zeit für Familie, Sport und Reisen gewinnen. «Ich freue mich sogar darauf, dass mir vielleicht einmal ein bisschen langweilig wird», sagt er und lacht. Allzu gross dürfte diese Gefahr allerdings nicht sein. Seit mehr als 40 Jahren fliegt Daniel privat Segelflugzeuge. Das Fliegen wird ihn also weiterhin auch ausserhalb des Liniencockpits begleiten.
Und wohin würde sein letzter SWISS Flug führen?
Nach Seoul vielleicht. Oder nach Johannesburg. Eine schöne Destination mit dem Airbus A350, genügend Zeit für die Crew und ein bewusster Abschluss. Doch an den letzten Flug möchte Daniel noch nicht denken. Denn seine Begeisterung fürs Fliegen ist ungebrochen. Und wenn es nach ihm geht, würde er seine Erfahrung gerne noch ein Stück länger an die nächste Generation weitergeben.
Text: Tanja Fegble
Bilder: Daniel Meier
Publiziert am 22. Juli 2026