Habt ihr eine Destination, die ihr am liebsten anfliegt?
Alexandra: Es klingt jetzt vielleicht unspektakulär, aber ich liebe deutsche Flugplätze. Wenn die Zusammenarbeit mit dem Funk und den Fluglots:innen gut funktioniert, dann macht es richtig Spass und an deutschen Flughäfen mache ich immer gute Erfahrungen. Mein Lieblingsflug ist von Zürich nach Stuttgart. Ein so kurzer Flug kann eine Herausforderung sein, teilweise geht er unter 20 Minuten. Da hat man viel zu tun. Kaum gestartet, ist man auch schon wieder in der Anflugvorbereitung.
Benjamin: Bei mir ist es ganz klar Nizza. Der Flug führt verhältnismässig tief über die Alpen und es gibt meist wenig Anflugverkehr. Die Fluglots:innen lassen uns den Landeanflug oft selbst einteilen, sobald wir den Flughafen in Sicht haben. Der Gegensatz dazu ist London. Dort wird der Anflug aufgrund des dichten Verkehrs sehr strukturiert vorgegeben und es wird uns kleinschrittig mitgeteilt, wann wir mit welcher Geschwindigkeit und auf welcher Höhe fliegen sollen. Da macht mir Nizza persönlich deutlich mehr Spass.
Gab es einen Flug oder ein Erlebnis, das euch besonders im Kopf geblieben ist?
Benjamin: Mir fällt da ein Rückholflug während der Corona-Pandemie ein. Wir sind damals nach Pristina geflogen. Im Kosovo waren keine Einreisen mehr erlaubt, wir sind also leer hingeflogen, haben auf dem Rückflug aber auf den 180 Plätzen, die wir im A320 haben, 192 Passagier:innen nach Zürich geflogen. Das war nur möglich, weil an Bord zwölf Kleinkinder waren, die auf dem Schoss von Familienmitgliedern sassen. Das war das vollste Flugzeug, das ich je geflogen bin. Die Passagier:innen waren unglaublich dankbar.
Alexandra: Für mich ist es persönlich so, dass ich einfach jeden Tag unglaublich gerne zur Arbeit gehe. Ich denke mir regelmässig, wie besonders es eigentlich ist, dass ich so einen Beruf ausüben darf, den andere vielleicht nur aus einem Videospiel kennen. Mein Job bereitet mir sehr viel Freude.
«Ich gehe einfach jeden Tag unglaublich gerne zur Arbeit.»
First Officer, Airbus A320-Flotte
Wie sind die Pausen bei euch im Cockpit geregelt?
Benjamin: Wir beide fliegen auf der Kurzstrecke. Im Gegensatz zu Langstreckenflügen mit mehr als zwei Pilot:innen werden auf diesen kürzeren bis mittellangen Flügen keine festen Pausen geplant. Wir teilen uns unsere Energie über den Tag ein. Es gibt Zeiten mit hoher Arbeitsbelastung, aber auch welche mit niedriger. Am Boden und im Steig- und Sinkflug sind wir gut beschäftigt. Im Reiseflug ist es meist ruhiger, dann haben wir Zeit, nacheinander zu essen. Fliegen wir beispielsweise nach Lissabon, geht der Flug rund zweieinhalb Stunden. Das ist entspannter als auf einem einstündigen Flug von Zürich nach Düsseldorf.
Alexandra: Im Cockpit gibt es auch eine Aufgabenteilung. Es gibt den «Pilot Flying», diese:r kümmert sich um den Flugweg. Diese Person steuert das Flugzeug, selbst oder mit dem Autopiloten und kümmert sich auch um den Landeanflug. Der «Pilot Monitoring» kümmert sich wiederum um den Funk und weitere Aufgaben. Wir teilen uns die Aufgaben so untereinander auf, dass auch Zeit zum Essen bleibt.
Wie unterstützt ihr Passagier:innen, die Angst vor dem Fliegen haben?
Alexandra: Es mag erstaunen, aber ich hatte früher selbst auch ziemlich grosse Angst beim Fliegen. Deshalb verstehe ich unsere Gäste sehr gut, da ein Gefühl von Kontrollverlust aufkommen kann. Ich probiere dann immer zu erklären, dass unser Flug einer von sehr vielen ist, der gerade stattfindet. Je nachdem sage ich auch, dass dies für uns bereits der zweite Flug ist und der Hinflug problemlos verlaufen ist. Solche Relationen helfen meist schon viel.
Benjamin: Mir hilft es noch zu wissen, wovor die Passagier:innen Angst haben. Geht es um Kontrollverlust oder konkrete Situationen? Dann kann ich besser erklären, was wann passiert. Bestimmte Geräusche sind leicht zu erklären und Turbulenzen sind beispielsweise Veränderungen vom Wind. Diese nimmt man in der Kabine meist stärker wahr als wir vorne auf den Instrumenten. Was sich wie ein hundert Meter tiefes Absacken anfühlen mag, ist oft kaum ein Höhenverlust. Unsere Gäste sind häufig beruhigt, wenn sie hören, dass die Betriebsgrenzen des Flugzeugs bei solchen Turbulenzen noch lange nicht erreicht sind.
Welche Bereiche eurer Arbeit laufen hinter den Kulissen ab, so dass Passagier:innen sie nicht bemerken?
Benjamin: Ein Bereich ist die Planung des Fluges: Wie teilen wir beispielsweise unsere Geschwindigkeit und Höhe während des Sinkflugs ein, um möglichst effizient zu fliegen? Was manchen auch nicht bewusst sein dürfte, ist, dass wir während eines Kurzstreckenflugs bereits den nächsten Flug planen. Zum Beispiel, wieviel Kerosin wir dafür tanken müssen.
Alexandra: Etwas, das mir früher nicht vollends bewusst war, ist die Rolle der Kapitänin oder des Kapitäns. Die Person ist nicht nur an Bord die oberste Instanz der Crew, sie trägt auch am Boden die Verantwortung, etwa wenn wir ein Problem mit einem elektrischen Rollstuhl haben, bei dem die Batterien nicht korrekt gesichert wurden. Natürlich ist auch die Bodencrew vor Ort, aber die Entscheidung trifft die Kapitänin oder der Kapitän. Es ist eine Aufgabe mit sehr viel Verantwortung und vielfältigen Anforderungen.
Was an eurem Beruf schätzt ihr am meisten?
Alexandra: Es gibt unzählige Möglichkeiten, ein Flugzeug zu fliegen. Wenn du die fliegende Person bist, entscheidest du - innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen - über viele Faktoren mit. Das kann eine Herausforderung sein, ist aber auch etwas, das ich sehr schätze.
Benjamin: Ich fliege sehr gerne manuell, also ohne Autopiloten. Je nach Situation kann das kürzer oder länger sein. Im Anflug auf Zürich, wo wir uns bestens auskennen, schalte ich den Autopiloten gerne schon früher aus. Ich geniesse das «handwerkliche» Fliegen sehr.
«Ich geniesse das ‚handwerkliche‘ Fliegen sehr.»
First Officer, A320-Flotte
Wem empfehlt ihr euren Beruf?
Benjamin: Ich habe zuvor in einem Ingenieursjob gearbeitet. In meinem Fall war das ein klassischer Nine-to-five-Job mit seinen Vor- und Nachteilen. Als Pilot erlebe ich den Berufsalltag deutlich intensiver. Es gibt diese besonderen Augenblicke, wenn wir im Steigflug aus den Wolken auftauchen und bei bester Sicht den Sonnenaufgang über den Alpen sehen. Ich kann dann jeweils kaum fassen, wie schön das ist. Gleichzeitig erfordert der Beruf Flexibilität. So kann es vorkommen, dass der Dienstplan des Monats nicht ganz zu meinem Sozialleben passt. Daher empfehle ich den Beruf Menschen, die eine grosse Leidenschaft fürs Fliegen mitbringen.
Alexandra: In unserem Job muss man Multitasking beherrschen. Zudem hilft Selbstbewusstsein und Freude an Teamwork. Wir sind zwei Personen im Cockpit plus das Kabinenpersonal. Ein erfolgreicher Flug ist nicht das Resultat einer «One-Man-Show».
Mit welchen Vorurteilen über euren Job wurdet ihr schon konfrontiert?
Benjamin: Es kommt vor, dass Menschen glauben, wir würden uns ausschliesslich auf den Autopiloten verlassen. Dabei ist es wichtig zu sagen, dass wir selbstverständlich alles beherrschen, was der Autopilot kann. Wir setzen ihn gezielt ein, um uns von Routineaufgaben zu entlasten und schaffen uns so mehr Kapazitäten.
Alexandra: Hinzu kommt: Auch wenn wir den Autopiloten nutzen, bestimmen wir immer noch den Flugweg. Es ist nicht so, dass wir dann nichts mehr machen. Wir geben dem Autopiloten immer noch regelmässig Anweisungen, wie er fliegen soll, das System denkt nicht mit. Faktoren wie Geschwindigkeit oder Steigrate werden immer noch von der fliegenden Person bestimmt.
Text: Anja Suter
Fotos: SWISS, Alexandra Philipps and Benjamin Gajewski
Publiziert am 23.04.2026