«Am Ende wird es sich auszahlen»

Annas Reise ins Cockpit begann mit einem Kindheitstraum. Über die Kabine und ein Aviatikstudium fand sie Schritt für Schritt ihren Weg. Heute steht sie kurz davor, selbst im Cockpit zu sitzen und erzählt, worauf sie sich freut.

«Am meisten interessiert mich die Technik und die Kontrolle. Und dass ich künftig mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten ein Flugzeug sicher von A nach B bringen kann. Das gibt mir eine riesige Kraft», erzählt Anna-Maria Floros. Anna ist 24 Jahre alt und möchte Pilotin werden. «Ich hatte den Berufswunsch bereits als Kind. Ich komme aber nicht aus einer ‹Fliegerfamilie› und wollte mich langsam herantasten.» Kurz vor dem Abitur habe ich mich im Segelfliegen versucht, einen Schein habe ich aber nicht gemacht. Trotzdem war es der Moment, in dem ich Feuer fing.» 

Trotz allem wollte sich Anna nicht sofort Hals über Kopf in eine Pilotinnenausbildung stürzen. «Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was mich dabei erwartet und wie dieses Leben zu mir passt. Für mich war es zudem nicht wichtig, sofort an mein Ziel zu kommen.» Ausserdem wollte Anna vor dem Cockpit auch den Prozess und die Arbeit in der Kabine verstehen und beherrschen – denn die Frankfurterin macht keine halben Sachen. Geleitet durch diese Besonnenheit entschied sich die gerade Mal 18-jährige dazu, sich bei verschiedenen Fluggesellschaften für die Ausbildung als Cabin Crew Member zu bewerben. Bei SWISS ist dann der Funke übergesprungen. Die Fluggesellschaft, die Anna zuvor nur als Passagierin kannte, bietet ihr eine Stelle an. Und Annas Lebensmittelpunkt verschiebt sich damit von Frankfurt nach Winterthur. «Ich war zuvor noch nie wirklich bewusst in der Schweiz.» Für Anna ist dies aber kein Grund, es nicht zu wagen.  Schweizerdeutsch lernt sie «on the Job». «Mir war es wichtig, den Dialekt zu verstehen und auch ein wenig zu sprechen.»

 

Während jedem Flug ein eingefleischtes Team

Anna lernte nicht nur einen neuen Dialekt kennen, sondern auch die Welt der Aviatik und vor allem – das Crew-Life. «Auf einem Flug arbeite ich immer mit anderen Personen zusammen, aber in kürzester Zeit ist man ein eingeschweisstes Team, eines, dass auch anstrengende Tage zusammen durchsteht und  dabei gut kommuniziert.» Überrascht sei sie von der Kommunikation zwischen Cockpit und Kabine gewesen. «Ich habe mir eine viel stärkere Hierarchie vorgestellt. Aber bei einem Layover – also bei einem Aufenthalt mit Übernachtung - unternehmen wir alle zusammen etwas und sind gut durchmischt.» 

Dann passierte aber etwas, das selbst die bedachte Anna nicht einplanen konnte. Die Welt kämpft mit der Corona-Pandemie und die meisten Flugzeuge bleiben am Boden - Annas Traum vom Fliegen pausiert. Doch es dauert nicht lange, dann hat sie einen Plan B. «Ich habe im September 2020 mein Aviatik Studium in Winterthur in Teilzeit begonnen. Einfach, weil ich noch mehr von der wissenschaftlichen und fachlichen Seite des Themas erfahren wollte.» Mit dem Abflachen der Pandemie nimmt auch Anna wieder ihren Job als Cabin Crew Member auf und studiert parallel. Mit dem nahenden Abschluss rückt auch wieder der Pilotinnen-Traum näher. 

Anna während der Praxisphase im April 2025 in Grenchen im Kanton Solothurn.
Anna im Trainingsflugzeug der European Flight Academy im April 2025 am Flughafen Grenchen im Kanton Solothurn.

Um ihren Traum voranzutreiben, bewarb sich Anna bei der European Flight Academy, der Flugschule der Lufthansa Group. Dort durchlief sie Tests, bei denen ihre kognitiven Fähigkeiten geprüft wurden, darunter Konzentration, Reaktionsvermögen und räumliches Denken. Da sich Anna für das airlinespezifische Förderprogramm der SWISS angemeldet hatte, wurde ihre Eignung vom Flight Crew Assessment Center und SWISS Medical zusätzlich abgeklärt. Sie durchlief den sogenannten Pre Airline Fit. Auch diese Module durchlief die angehende Pilotin erfolgreich und erhielt schliesslich den Rahmen- und Darlehensvertrag von SWISS zur Unterstützung für ihre Ausbildung.  

Die Ausbildung startete im Dezember 2024 mit dem ersten Theorieteil. Thema: «Ein oberflächlicher Rundumschlag», wie es Anna nennt. Die 15 Studierenden hörten viel über Meteorologie, Navigation und Flugplanung. Alles Themen, die sie in den kommenden zwei Jahren noch vertieft behandeln werden. Im April ging es für die Klasse für sechs Wochen nach Grenchen zum zweiten Praxisteil. «Dort sind wir das erste Mal mit einem einmotorigen Flugzeug geflogen.» 

 

«Es gibt keinen Standartweg ins Cockpit»

Unter den Flugschüler:innen gibt es derweil die verschiedensten Karrierewege zum Cockpit. «Es gibt keinen Standardweg», pflichtet auch Anna bei. Ihr helfe es aber später sicherlich, dass sie bereits als Cabin Crew Member gearbeitet habe. «Ich kenne die Herausforderungen und den Arbeitsalltag. Ich weiss was mich erwartet und wie ich meine Kräfte einteilen muss.» Ihr abgeschlossenes Aviatik Studium sei ebenfalls ein grosses Plus.

In den zwei Jahren der Pilotinnenausbildung wechseln sich Theorie- und Praxisblöcke miteinander ab. «Die zweite Praxisphase wird in Amerika stattfinden.» Abgeschlossen wird die Ausbildung am Ende mit einer Diplomprüfung und einer Theorieprüfung für die BAZL-Lizenz.  

Die European Flight Academy (EFA) setzt in der Grundschulung hauptsächlich Flugzeuge des Typs Diamond DA42-VI ein.
Die European Flight Academy (EFA) setzt in der Grundschulung hauptsächlich Flugzeuge des Typs Diamond DA42-VI ein.

Doch wirklich vorbei ist die Ausbildung damit noch nicht. «Danach folgt das Type Rating bei SWISS und es wird entschieden, welchen Flugzeugtyp Anna in Zukunft fliegt. 

In rund eineinhalb Jahren ist es also so weit und Anna erfüllt sich ihren Kindheitstraum. Beim Gedanken daran empfinde sie einen Mix aus «Respekt und Reiz», sagt sie. «Ich freue mich auf die wunderschöne Aussicht aus dem Cockpit und vor allem auf die Sonnenuntergänge. Es ist ein herausfordernder Weg, aber man wird belohnt.»

Text: Anja Suter

Bilder: Reto Hoffmann 

Publiziert: 11. November 2025