Wenn Sandra Dubach frühmorgens mit dem Bus durch Bern fährt und die Stadt langsam erwacht, während am Horizont Eiger, Mönch und Jungfrau sichtbar werden, empfindet sie eine ähnliche Faszination wie zu Beginn eines Langstreckenfluges. «Es ist einfach ein wunderschönes Büro», sagt sie. Ob über den Wolken oder im Stadtverkehr, Begegnungen mit Menschen und wechselnde Situationen prägen ihren Alltag.
Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Sandra in der Luftfahrt tätig, bei SWISS und zuvor bei Swissair. Stillstand habe es in diesem Beruf nie gegeben, sagt sie. Vielleicht passe genau deshalb auch ihre zweite Tätigkeit so gut dazu.
Vom Boarding zum Busbetrieb
Während viele Menschen während Covid innehielten, begann Sandra nochmals von vorne. In Bern entdeckte sie Plakate von Bernmobil, die Busfahrer:innen suchten. Die Idee liess sie nicht mehr los. Nicht zuletzt, weil einige ihrer fliegenden Kolleg:innen bei SWISS ebenfalls Teilzeit im Busbetrieb arbeiten. Sandra absolvierte die Car-Ausbildung D, lernte Linienführungen, Sicherheitsabläufe und den Umgang mit einem Gelenkbus im dichten Stadtverkehr. Heute fährt sie Trolley- und Gelenkbus, die Ausbildung zur Tramfahrerin folgt im nächsten Schritt.
Die Kombination beider Berufe verlangt Organisation. Einen Monat arbeitet sie für SWISS, im nächsten sitzt sie im Führerstand von Bernmobil. Dass beide Arbeitgeber diese Konstellation ermöglichen, schätzt sie sehr: «Es ist ein Privileg, diese zwei Welten miteinander verbinden zu können.»
«Es ist ein Privileg, diese zwei Welten miteinander verbinden zu können.»
Maître de Cabine bei SWISS und Busfahrerin bei Bernmobil
Gastgeberin am Boden und in der Luft
Viele Fähigkeiten aus ihrer Tätigkeit als Flight Attendant helfen ihr auch im Busbetrieb. Der Umgang mit Menschen sei zentral. «Man lernt, ruhig zu bleiben, Situationen einzuschätzen und zuzuhören.» Diese Erfahrung bewährt sich auch in herausfordernden Momenten, etwa bei medizinischen Zwischenfällen oder konfliktreichen Begegnungen. Auch ihre Sprachkenntnisse, die sie sich während ihrer Zeit in der Fliegerei angeeignet hat, kommen ihr im Berner Alltag zugute, etwa im Austausch mit Tourist:innen oder Pendelnden. Gleichzeitig unterscheidet sich der Busbetrieb deutlich vom Leben an Bord. «Im Flugzeug bist du permanent Gastgeberin. Im Bus geniesse ich auch mal die Ruhe im Führerstand und das konzentrierte Fahren.»
Engagement für die Zukunft der Luftfahrt
Sandras Interesse an der Luftfahrt endet nicht nach Dienstschluss. Seit Jahren engagiert sie sich im Bereich nachhaltiger Aviatik, unter anderem in der Eventorganisation, Marketing und Kommunikation für das junge Schweizer Unternehmen «Smartflyer», das an der Entwicklung eines elektrischen Flugzeuges mit Hybridantrieb arbeitet. Zudem ist sie Mitorganisatorin des Events «Electrifly-In Switzerland» am Bern Airport, einer Plattform für nachhaltige Luftfahrt. Ziel ist es, innovative Technologien für Besucher:innen sichtbar zu machen und Fachleute aus ganz Europa zu vernetzen. «Ich glaube nicht, dass grosse Airliner in absehbarer Zeit rein elektrisch fliegen werden», sagt sie. «Aber bei kleineren Flugzeugen – etwa für die Ausbildung zukünftiger Pilot:innen oder für kurze Commuter-Strecken – sehe ich grosses Potenzial.»
Coach, Ansprechpartnerin und Teamplayerin
Auch bei SWISS übernimmt sie Verantwortung über den Flugbetrieb hinaus. Als «Quality Circle Maître de Cabine (QCMC)» begleitet und coacht sie andere Maître de Cabine, also Kabinenchef:innen. Sie unterstützt sie beim Einstieg in die Laufbahn, steht bei Fragen mit Rat und ihrer langjährigen Erfahrung zur Seite und führt Check- und Coachingflüge mit ihnen durch.
Wichtig ist ihr dabei die Vorbildfunktion, sowohl in ihrer Rolle als «QCMC» als auch als Kabinenchefin auf Kurz- und Langstreckenflügen. «Man kann nicht nur von Teamwork sprechen, man muss es auch vorleben.» Gerade in der Kabine sei gegenseitiges Vertrauen entscheidend, zumal man immer mit wechselnden Crews arbeite. Genau hier liegt Sandras Antrieb bis heute: die Arbeit mit Menschen geprägt von Begegnungen quer durch alle Kulturen, persönlichen Geschichten und einem Berufsalltag, der sich ständig neu erfindet.
Ein Leben in Bewegung
Das Fliegen ist auch im Privaten eine Konstante. Seit zehn Jahren besitzt Sandra die Privatpilotenlizenz. Regelmässig fliegt sie mit einer Blackshape Prime durch die Schweiz und Europa – einem leichten Carbon-Flugzeug, das sie gemeinsam mit ihrem Verein, den Blackshape Flyers Grenchen, fabrikassistiert beim Hersteller aufgebaut hat.
Trotz ihrer vielen Aktivitäten sind ihr bewusste Erholungsphasen wichtig. Nach intensiven Einsätzen zieht sie sich zurück, liest auf dem Balkon oder reist, etwa nach Japan, einem ihrer Lieblingsziele. «Ich brauche die Abwechslung, neue Eindrücke und unterschiedliche Perspektiven», sagt sie. Und genau darin scheint sie ihren festen Kurs gefunden zu haben.
Text: Tanja Fegble
Fotos: Sandra Dubach
Veröffentlicht am 16.06.2026