Stefanie, seit wann bist du in der Luft zu Hause?
Seit 2015. Also mittlerweile doch schon über zehn Jahre. Dazwischen gab es ein paar Unterbrüche: ein Praktikum, ein Diplom, auch mal ein halbes Jahr im Ausland. Aber ich bin immer wieder zurückgekommen.
Was macht den Beruf für dich nach all den Jahren noch besonders?
Die Menschen sind es. Wenn man als Crew gemeinsam einen intensiven Tag erlebt, sich gegenseitig trägt und nach dem letzten Flug noch über Insider Witze lacht, entsteht eine Verbundenheit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Für diesen Moment fühlt es sich an wie Familie.
«Als Crew entsteht eine Verbundenheit, die sich kaum in Worte fassen lässt.»
Maître de Cabine bei SWISS
Genau diese Augenblicke bleiben. Wenn ich mitten in der Nacht mit jemandem aus der Crew in der Bordküche sitze und sich plötzlich ein persönliches Gespräch entwickelt, entsteht ein Vertrauen, das unglaublich schnell wächst. Etwas, das diesen Beruf so besonders macht.
Gibt es auch schwierige Seiten?
Natürlich. Es «menschelet», innerhalb der Crew genauso wie mit Passagierinnen und Passagieren. Nicht jede Schicht läuft perfekt, nicht jede Crew harmoniert sofort. Gerade deshalb merkt man sehr schnell, wie wichtig Teamarbeit ist. Und man erlebt im Flugzeug auch stark, wie Menschen unter Stress funktionieren. Das zeigt sich oft schon beim Handgepäck.
Das berühmte Handgepäck-Thema?
(lacht) Genau. Aber meistens steckt mehr dahinter. Wir verstehen natürlich, dass Passagier:innen ihre persönlichen Sachen gerne in ihrer Nähe haben und möglichst entspannt ankommen möchten. Manchmal wirkt es vielleicht so, als wären wir unnötig streng, dabei möchten wir den Boardingprozess einfach für alle so angenehm und reibungslos wie möglich gestalten, damit alle pünktlich an ihr Ziel kommen.
Und die schönen Momente?
Da gibt es unzählige. Passagiere, die sich bedanken, jedem Crewmitglied die Hand schütteln oder uns etwas mitbringen. Solche Gesten bleiben.
Seit Anfang 2025 bist du Maître de Cabine. Was hat sich dadurch verändert?
Vor allem die Verantwortung. Wenn etwas passiert, kannst du Themen nicht einfach weitergeben. Du musst Entscheidungen treffen und Lösungen finden. Als M/C bist du das Bindeglied von allem: zwischen Crew, Passagier:innen und Flight Deck. Gleichzeitig leitest du die Crew an und gibst Orientierung.
Was war die grösste Umstellung für dich?
Dass du immer sichtbar bist. Für die Passagier:innen, aber auch für die Crew. Du bist plötzlich nicht mehr einfach Teil des Teams, sondern hast eine Rolle. Die Leute möchten sehen, dass du alles im Griff hast. Gleichzeitig wollte ich nie jemand sein, der ein Team anleitet und hinter sich marschieren lässt. Ich gehe mit meinem Team. Das ist manchmal eine Gratwanderung.
Wie meinst du das?
Man muss lernen, Entscheidungen klar zu treffen, auch wenn man selbst nicht immer hundertprozentig sicher ist. Auch als M/C (Maître de Cabine) darf man Unsicherheiten haben. Die Kunst ist, richtig damit umzugehen. Ich bin grundsätzlich eher eine reflektierende Person und hinterfrage vieles. Aber irgendwann musst du auch sagen: Jetzt entscheiden wir das so.
Wem würdest du den Schritt zur Maître de Cabine empfehlen?
Menschen, die Freude daran haben, Verantwortung zu tragen, zu organisieren und den Überblick zu behalten.
Wer komplett im direkten Passagierkontakt aufblüht und vor allem Service machen möchte, muss nicht zwingend M/C werden. Denn die Rolle geht weit über den Service hinaus. Du bist ständig mit verschiedenen Schnittstellen beschäftigt und trägst Verantwortung für das grosse Ganze.
Was wünschst du dir von Passagier:innen?
Vor allem Offenheit. Gerade wenn jemand selten fliegt oder unsicher ist, hilft es uns enorm, wenn wir das wissen. Wer Flugangst hat oder nervös ist, darf das jederzeit sagen.
Und Vielflieger:innen dürfen sich ruhig manchmal daran erinnern, dass auch wir Menschen sind. Klar helfen wir gerne, aber manchmal hilft es schon, kurz durchzuatmen und den Stress draussen zu lassen.
«Offenheit hilft uns am meisten. Gerade, wenn jemand selten fliegt oder unsicher ist»
Wohin fliegst du am liebsten?
Bangkok ist als Destination grossartig. Wegen der Kultur, dem Essen und weil alles so anders ist als bei uns. Dafür macht man diesen Beruf ja auch ein Stück weit. Die Flüge dorthin sind allerdings schon anstrengend. Wenn ich eine Kombination aus angenehmem Flug und spannender Destination wählen müsste, wäre es Singapur. Viele empfinden die Stadt als steril, aber wenn man tiefer eintaucht, entdeckt man unglaublich viel.
Was hast du immer im Crew-Bag dabei?
Ein Ladekabel, Deo und schwarzes Tape.
Schwarzes Tape?
(lacht) Ja. Ich klebe damit im Hotelzimmer diese kleinen Lichtquellen ab. Fernseher, Ladeanzeigen, alles. Diese Lämpchen machen mich wahnsinnig.
Und dein Tipp gegen Jetlag?
Mich nicht stressen lassen. Wenn ich nicht schlafen kann, dann kann ich halt nicht schlafen. Meine Mutter hat immer gesagt: Auch wenn du einfach nur daliegst, ist das Erholung.
In meiner aktuellen Rolle ist allerdings weniger der Jetlag das Thema, sondern eher der Schlafmangel. Einen echten Trick gibt es dafür nicht. Man lernt einfach, damit umzugehen.
Vielen Dank für das Gespräch, Stefanie.
Interview und Text: Linda Fritz und Tanja Fegble
Fotos: Stefanie Mailänder
Veröffentlicht am 29.05.2026