Humanitärer Einsatz in Kabul: Nico Hess bei PACTEC

Unser Aircraft Engineer Nico Hess hat kürzlich einen Monat lang freiwillig mit PACTEC (Partners in Aviation Communication and Technology), einer gemeinnützigen Luftfahrtorganisation in Kabul, Afghanistan, gearbeitet. Im Interview erzählt er, wie es war, in Kabul zu leben und zu arbeiten, wie Luftfahrt in abgelegenen Gebieten Leben retten kann und warum das Weitergeben von Fachwissen an die nächste Mechaniker-Generation zu den bedeutendsten Erfahrungen seiner Reise gehörte.

Nico, wo hat diese Reise begonnen – was hat dich zu PACTEC und nach Afghanistan geführt?
Vom 8. April bis 8. Mai dieses Jahr hatte ich die einmalige Gelegenheit, nach Afghanistan zu reisen und mit dem Team von PACTEC zu arbeiten – einer gemeinnützigen, humanitären Luftfahrtorganisation, die seit 1997 für die afghanische Bevölkerung im Einsatz ist. Ich habe einen persönlichen Bezug zu PACTEC: Mein Vater war über zehn Jahre mit der Organisation tätig, und während dieser Zeit lebte unsere Familie in Afghanistan. Als ich von einem Freund der Familie, der aktuell dort arbeitet, hörte, dass PACTEC dringend erfahrene technische Unterstützung benötigt, habe ich mich direkt angesprochen gefühlt. Dank SWISS konnte ich einen Monat unbezahlten Urlaub nehmen, um nach Kabul zu reisen und das Team vor Ort zu unterstützen.

 

Kannst du beschreiben, was PACTEC macht und wie sie arbeiten?
PACTEC operiert vom internationalen Flughafen in Kabul aus und bietet lebenswichtige Lufttransporte für NGOs, medizinische Notfälle und Versorgungsgüter in die entlegensten und am schwierigsten erreichbaren Gebiete des Landes. Die Flotte besteht aus vier Flugzeugen: drei robuste Quest Kodiak 100 mit Kurzstart- und -landefähigkeit sowie einer Pilatus PC-12 mit Druckkabine – ideal für längere Flüge in grosser Höhe. Damit werden über 35 Destinationen in ganz Afghanistan angeflogen – von gut ausgebauten Flughäfen bis hin zu einfachen Schotterpisten, die auch als Weideflächen für Schafe dienen und in abgelegene Bergtäler eingelassen sind.

PACTEC funktioniert wie eine kleine humanitäre Airline. Sie wird betrieben von einem engagierten Team aus Expats – Piloten, Mechanikern, Lehrpersonen, Administratoren – und deren Familien. Unterstützt werden sie von einer treuen und gut ausgebildeten afghanischen Belegschaft, von denen viele bereits seit Jahren bei PACTEC arbeiten. Finanziert wird das Ganze durch Einzelspenden sowie humanitäre Organisationen wie EHCO (Europäische Kommission für humanitäre Hilfe) oder DEZA (Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit).

 

Was waren deine Aufgaben während deines Aufenthalts?
Meine Aufgabe in Kabul war es, das Wartungs- und Reparaturteam dort zu unterstützen, wo es gerade am meisten gebraucht wurde. Ich konnte an mehreren wichtigen Projekten mitarbeiten – unter anderem an der Fehlersuche und Reparatur eines Fahrwerkschadens an der PC-12, dem Austausch einer Propellerdichtung an einer der Kodiaks sowie an einer Jahresinspektion.

Doch es ging nicht nur ums Schrauben – PACTEC legt grossen Wert auf die Ausbildung der lokalen Mitarbeitenden. Ich habe daher auch viel Zeit damit verbracht, Wissen weiterzugeben, das ich bei SWISS gesammelt habe. Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Ich konnte einem talentierten jungen Hangar-Assistenten das TIG-Schweissen beibringen. Mit einer alten Maschine, die am Flughafen noch im Einsatz war, haben wir die Grundlagen geübt – und dabei gleich dringend benötigte neue Abfalleimer für den Hangar gebaut. Ein kleiner, aber nachhaltiger Beitrag zur langfristigen Eigenständigkeit des Betriebs.

 

Wie sah ein typischer Tag in Kabul für dich aus?
Das Leben in Kabul hatte seinen ganz eigenen Rhythmus. Mein Tag begann jeweils kurz nach dem ersten Gebetsruf, der ab etwa 4:40 Uhr morgens aus den Moscheen über die Stadt schallte. Ich stand auf, duschte und nahm um 5:30 Uhr den Shuttlebus, der alle Piloten und Mechaniker einsammelte. Um 6:00 Uhr erreichten wir den Flughafen – der Sonnenaufgang über den umliegenden Bergen war oft ein eindrücklicher Moment. Nach dem morgendlichen Team-Grüssen halfen wir den Piloten bei den Flugvorbereitungen. Gegen 6:20 Uhr gab es ein warmes Frühstück – meist Eier, zubereitet vom hauseigenen Koch – gefolgt von einem kurzen Briefing. Danach starteten die Flüge, und ich begann mit der Wartungsarbeit, oft verbunden mit kleinen Schulungen für die lokalen Mitarbeitenden. Mittagessen war jeweils um 12:00 Uhr in der Gemeinschaftsküche, und gegen 14:30 oder 15:00 Uhr endete der Arbeitstag. Die Rückfahrt durch die Stadt konnte dann gut eine Stunde dauern, je nach Verkehr.

Der Flughafen von Kabul am Morgen.
Der Flughafen von Kabul am Morgen.

 

Welchen Eindruck hat Afghanistan bei dir hinterlassen?
Afghanistan ist ein Land voller Gegensätze und atemberaubender Schönheit. Es ist etwa 15-mal so gross wie die Schweiz und reicht von den trockenen Wüsten im Süden bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Hindukusch im Norden. Reich an natürlichen Ressourcen und kulturellem Erbe – und doch international vor allem für die jahrzehntelangen Konflikte bekannt. Aber hinter diesem Bild steckt eine Bevölkerung, die unglaublich resilient und herzlich ist.

Trotz aller Herausforderungen habe ich selten so viel Grosszügigkeit und Gastfreundschaft erlebt. Fast kein Tag verging, an dem ich nicht zum „Chai Sabz“ (afghanischer Grüntee) eingeladen wurde – von Menschen, die einfach einen Moment der Verbundenheit teilen wollten. Solche Begegnungen waren häufig und echt – stille Erinnerungen daran, dass selbst in den schwierigsten Umgebungen Menschlichkeit spürbar bleibt.

 

Gab es einen Moment, der dir PACTECs Mission besonders vor Augen geführt hat?
Ja – direkt an meinem ersten Tag. Ein Flug ging in die abgelegene Stadt Fayzabad im Nordosten Afghanistans. An Bord war ein kleiner Junge mit seiner Familie. Zwei Monate zuvor war er in einen traditionellen afghanischen Tandoor-Ofen gefallen und hatte schwere Verbrennungen dritten Grades am Unterkörper erlitten. Die lokale Klinik war überfordert, doch PACTEC konnte ihn mit zwei Angehörigen nach Kabul bringen, wo er im Spital behandelt wurde – sein Leben konnte gerettet werden. Nun war er wieder stabil genug, um nach Hause zurückzufliegen. Ein Kind, das bald wieder zur Schule gehen kann. Das war nur eines von vielen Beispielen, wie PACTEC ganz konkret Leben verändert.

 

Was nimmst du persönlich aus dieser Erfahrung mit?
Die Zeit in Kabul war für mich zutiefst bereichernd und bewegend. Sie hat mir gezeigt, dass Luftfahrt – gerade in einem humanitären Kontext – weit mehr ist als ein Beruf. In unserem Alltag geraten Checklisten und technische Abläufe oft zur Routine. Doch in der humanitären Luftfahrt hat jede Handlung eine sichtbare und unmittelbare Wirkung. Wenn ein Flugzeug wieder flugtauglich ist, bedeutet das nicht nur, dass eine Maschine läuft – es bedeutet, dass medizinische Hilfe ein abgelegenes Dorf erreicht. Oder dass ein Kind eine zweite Chance bekommt. Ich bin dankbar, dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten durfte, diese Lebensader am Laufen zu halten – und ich kehre zurück mit tiefem Respekt für das afghanische Volk und das engagierte Team von PACTEC, das ihnen jeden Tag dient.

 

Wenn jemand mehr über PACTEC erfahren möchte – wo kann man sich informieren?
Auf ihrer Website gibt es einen grossartigen Kurzfilm von 2011, etwa 15 Minuten lang. Er zeigt seltene Videoaufnahmen des Landes und des PACTEC-Teams im Einsatz. Die Geschichte ist ganz ähnlich wie die, die ich erleben durfte: Ein Junge wird von einem Motorrad angefahren – und überlebt auf wundersame Weise, dank der Hilfe von PACTEC. Definitiv sehenswert: «On Wings of Hope» – zu finden auf der PACTEC-Website.

Die PACTEC-Flugzeuge am Flughafen Kabul.
Die PACTEC-Flugzeuge am Flughafen Kabul.

Text: Yordanos Woldehawariat
Fotos: Nico Hess


Publikationsdatum: 24. Juli 2025