Nicolas, wie entsteht ein Streckennetz, das nie stillsteht?

Nicolas Vareilles ist Head of Network and Business Development bei SWISS in Genf. Er koordiniert die strategische Entwicklung des Streckennetzes, analysiert Markttrends und arbeitet eng mit zahlreichen internen und externen Partnern zusammen. Wir haben ihm fünf Fragen gestellt.

Nicolas, du verantwortest die Entwicklung unseres Streckennetzes in Genf. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Wenn ich ins Büro komme, werfe ich zuerst einen Blick auf den täglichen Operating Report, also den Bericht des Flugbetriebs vom Vortag. Ich prüfe, ob alle Flüge planmässig verlaufen sind oder ob es Störungen gab, etwa wetterbedingte Umleitungen oder Annullationen.

Danach folgt viel Markt- und Wettbewerbsbeobachtung. Wir müssen immer auf dem Laufenden sein, was sich in Europa und im Luftverkehr allgemein tut, sei es wirtschaftlich, geopolitisch oder touristisch. Was machen die Wettbewerber, welche neuen Destinationen entwickeln sich touristisch, welche Trends zeichnen sich ab? Wir sehen zum Beispiel, dass neue Reiseziele wie Albanien stark im Kommen sind oder dass sich die Nachfrage je nach Jahreszeit verändert. Im Sommer reisen viele aus der Schweiz ans Meer, im Winter kommen zahlreiche Gäste zum Skifahren in die Alpen. Unsere Aufgabe ist es, das Netz so anzupassen, dass es zu diesen Mustern passt und die Ressourcen optimal genutzt werden.

 

Wie unterscheidet sich der Standort Genf von Zürich?
Genf ist ein besonderer Markt, weil der Wettbewerb hier sehr stark ist. Rund die Hälfte des Passagieraufkommens wird von Low-Cost-Carriern wie easyJet abgedeckt. Das ist ein grosser Unterschied zu Zürich, wo SWISS den grössten Marktanteil hat. Unser Fokus in Genf liegt deshalb darauf, unser Angebot gezielt zu positionieren und uns klar zu differenzieren. Gleichzeitig spielt auch der französische Markt eine wichtige Rolle. Etwa 30 Prozent der Passagiere am Flughafen Genf kommen aus Frankreich. Das berücksichtigen wir in unserer Planung. Wir gehören als SWISS Standort zum Lufthansa Group Netzwerk und tragen mit unseren Flügen nach Zürich, München, Frankfurt, Wien oder Brüssel wesentlich zur Anbindung an die Hubs bei.

Nicolas Vareilles ist Head of Network and Business Development bei SWISS in Genf.
Nicolas Vareilles ist Head of Network and Business Development bei SWISS in Genf.

 

Nach welchen Kriterien entscheidet ihr über Veränderungen im Netzwerk?
Zuerst machen wir eine Wirtschaftlichkeitsanalyse. Wir prüfen, ob sich eine Verbindung finanziell lohnt, ob die erwartete Nachfrage stimmt und ob wir die nötigen Ressourcen haben, also Flugzeuge, Crews und Slots. Genf ist wie Zürich ein vollständig koordiniertes Level-3-Flughafen-System. Das bedeutet, Start- und Landezeiten sind begrenzt, und wir müssen genau prüfen, ob wir die erforderlichen Slots erhalten. Neben der Rentabilität ist also auch die operative Machbarkeit ein entscheidender Punkt.

 

Wie bist du zur Luftfahrt gekommen und was fasziniert dich bis heute daran?
Ich war schon immer von der Fliegerei begeistert und habe früh selbst den Privatpilotenschein gemacht. Nach meinem Ingenieurstudium in Luftfahrttechnik habe ich mich bewusst gegen eine rein technische Laufbahn entschieden und stattdessen an der ENAC in Toulouse ein Masterstudium im Luftverkehrsmanagement absolviert. Seitdem war ich in verschiedenen Airlines tätig, unter anderem bei Air France, Wizz Air, CityJet und Flybaboo. Diese unterschiedlichen Perspektiven, vom Low-Cost-Segment bis zu traditionellen Fluggesellschaften, haben mir geholfen, die Komplexität von Airlines ganzheitlich zu verstehen. Bei SWISS bin ich seit 2013.

Was mich an der Branche begeistert, ist die ständige Bewegung. Kein Jahr ist wie das andere, es gibt immer neue Herausforderungen, politische Ereignisse, wirtschaftliche Veränderungen oder neue Reisetrends. Diese Dynamik hält den Beruf spannend.

«In der Luftfahrt gibt es kein Jahr, das dem anderen gleicht und genau das macht sie so spannend.»

Nicolas Vareilles
Head of Network and Business Development

 

Wie schaltest du in deiner Freizeit ab?
Ich mache viel Sport, fast jeden Tag, besonders gerne CrossFit, Hyrox oder Bergläufe. Ich wohne in Frankreich, unweit von Genf, und bin dadurch schnell in den Bergen. Im Winter gehe ich gerne auf Skitouren. Das habe ich während der Pandemie entdeckt, als die Skilifte stillstanden. Im Sommer bin ich oft am Lac du Bourget, wo ich auch im Winter regelmässig im kalten Wasser schwimme. Neben dem Sport verbringe ich gerne Zeit mit Familie und Freunden, beim gemeinsamen Essen oder einem guten Glas Wein.