Hinweis: Didier ist bei diesem Interview anwesend, um Stefano bei der Beschreibung des Tauchprojektes zu unterstützen, die Herausforderungen und Freuden des inklusiven Tauchens zu erläutern und Einblicke aus der Perspektive eines erfahrenen, neu adaptierten Tauchers zu geben.
Stefano, du arbeitest als Flugzeugmechaniker in der Nachtschicht. Kannst du uns etwas über deine Rolle erzählen und was sie umfasst?
Ich arbeite als Aircraft Engineer in Zürich und bin auf Wartungsarbeiten in der Nacht spezialisiert. In der Branche bin ich schon lange tätig, angefangen habe ich 1989 bei Crossair. Danach war ich bei Lufthansa Technik Schweiz. Später wechselte ich zu Darwin Airline, wo ich zunächst als Stationsleiter in Genf und anschliessend als stellvertretender Maintenance Manager tätig war. Nach meinem Weggang von Darwin Airline bin ich 2010 zu SWISS gekommen, wo ich bis heute meine Erfahrung in der Flugzeugwartung einbringe.
Meine Tätigkeit erfordert ein hohes Mass an Konzentration, Planung und Problemlösung. Ich koordiniere Abläufe, steuere Wartungsprozesse und stelle sicher, dass alles reibungslos funktioniert – sowohl für die Passagiere als auch für die Mitarbeitenden. Die Luftfahrt hat mich schon immer fasziniert. Präzision, Verantwortung und Teamarbeit sind bei uns täglich entscheidend. Ich lebe im Tessin und schätze die Balance zwischen meiner Arbeit in Zürich und meinem Leben zu Hause.
Du leitest auch ein inklusives Tauchprojekt. Wie ist dieses entstanden und was ist eure Mission?
Ich bin leidenschaftlicher Taucher. Das Projekt ist aus dem Wunsch entstanden, Tauchen für Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen. Im Oktober 2025 haben wir den Verein Swiss Divers & Ability gegründet, um unsere Aktivitäten zu strukturieren und mehr Teilnehmende zu erreichen. Didier, mein bester Freund und erfahrener Taucher, ist ein wichtiger Bestandteil dieses Projekts. Trotz seiner Beinamputation im Frühling 2025 ist er Teil des Teams geworden und hat das Tauchen von Grund auf neu gelernt. Unser Kernteam besteht aus fünf Tauchern, insgesamt sind 14 Personen in die Organisation eingebunden, die gemeinsam dafür sorgen, dass Sicherheit, Vertrauen und Freude für alle gewährleistet sind.
Wir arbeiten mit ganz unterschiedlichen Teilnehmenden: Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Amputierte und auch Personen im Rollstuhl, die noch nie zuvor getaucht sind. Dabei spielt die Art der Beeinträchtigung keine Rolle. Ob Down-Syndrom, Lähmung oder eine andere Beeinträchtigung, wir passen uns individuell an und beziehen alle ein. Zu sehen, wie Teilnehmende unter Wasser Selbstvertrauen entwickeln und ganz besondere Erfolge erleben, gehört zu den erfüllendsten Momenten dieses Projekts.
"Für uns ist Tauchen mehr als nur ein Abenteuer, es geht um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Viele unserer Teilnehmenden haben noch nie erlebt, sich frei und selbständig zu bewegen, insbesondere unter Wasser."
Flugzeugmechaniker bei SWISS & Teil des Vereins Swiss Divers & Ability
Tauchen wird oft mit Abenteuer und Freiheit verbunden. Was bedeutet Tauchen im Kontext von «Ability», und was macht euren Ansatz besonders?
Für uns ist Tauchen mehr als nur ein Abenteuer, es geht um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Viele unserer Teilnehmenden haben noch nie erlebt, sich frei und selbstständig zu bewegen, insbesondere unter Wasser. In diesem Zusammenhang bedeutet «Ability», Barrieren abzubauen, Ausrüstung anzupassen und gezielt Unterstützung zu bieten, damit jeder Mensch, unabhängig von einer Behinderung, die Freude und das Selbstvertrauen beim Tauchen erleben kann.
Das Besondere daran ist, wie sich die Erfahrung verändert: Unter Wasser fühlen sich die Menschen schwerelos, selbstbestimmt und frei. Es spielt keine Rolle, wie jemand aussieht, wie alt jemand ist oder ob man reich oder arm ist: Alle erzeugen dieselbe Luftblase. Der Moment, in dem jemand mühelos schwebt oder eine Fähigkeit zum ersten Mal meistert, wie Didier, der nach seiner Amputation seine Selbstständigkeit unter Wasser zurückgewonnen hat, ist besonders eindrücklich und zeigt, was inklusives Tauchen wirklich bedeutet.
Didier, wie war es für dich, nach deiner Amputation wieder zu tauchen?
Es war herausfordernd und gleichzeitig sehr bereichernd. Ich tauche und unterrichte seit über 25 Jahren.. Doch nach meiner Amputation musste ich alles neu lernen. Nach der Operation wollte ich so schnell wie möglich wieder tauchen. Ich war hochmotiviert. Das Tauchen war für mich ein Lichtblick. Gleichzeitig musste ich Geduld haben, was nicht einfach war. Nach drei Monaten war ich bereit für den ersten Tauchgang.
Stefano hat mich bei jedem Schritt unterstützt: vom Anziehen des Neoprenanzugs bis zum Einstieg ins Wasser. Als ich wieder abtauchte, war da sofort dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Seitdem zeigt mir jeder Tauchgang aufs Neue, wie viel auch nach einer grossen Veränderung im Leben möglich bleibt.
Stefano, wo habt ihr das Projekt bisher umgesetzt und wie anspruchsvoll ist es?
Wir sind hauptsächlich in der Schweiz tätig, vom Tessin bis nach Zürich, und haben mit verschiedenen Spitälern und Rehabilitationszentren zusammengearbeitet. Zusätzlich haben wir Workshops und Taucherlebnisse an Seen sowie in Tauchzentren im ganzen Land organisiert. Unser Ziel ist es, mobil zu sein und Ausrüstung, Schulung und Know-how dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. So wird der Zugang für alle möglich.
Die Arbeit ist sehr detailintensiv. Ein Tauchgang dauert vielleicht eine Stunde, doch die Vorbereitung nimmt mehrere Stunden in Anspruch: Briefings, Materialkontrollen, Anpassungen von Neoprenanzügen und Prothesen sowie die Nachbereitung und Organisation. Jeder Schritt ist entscheidend, damit sich die Teilnehmenden sicher fühlen könne. Es erfordert viel Hingabe, aber die Freude und das gestärkte Selbstvertrauen der Teilnehmenden machen jede Minute wertvoll. Jeder Tauchgang hinterlässt bei allen Beteiligten ein starkes Gefühl von Erfolg, Verbundenheit und Freude.
Was hast du aus der Zusammenarbeit mit Didier gelernt?
Die Zusammenarbeit mit Didier ist für mich sehr inspirierend. Selbst als erfahrener Taucher musste er sich der Herausforderung stellen, alles neu zu lernen. Ihn dabei zu begleiten, hat mich viel über Geduld, Anpassungsfähigkeit und Empathie gelehrt. Das Projekt geht über das Tauchen hinaus. Es geht darum, Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und Freude zu ermöglichen. Jeder gemeinsame Tauchgang stärkt unsere Freundschaft und zeigt, wie wichtig Vertrauen, Vorbereitung und Teamarbeit sind. Gleichzeitig bestätigt es mich in der Überzeugung, dass Menschen mit der richtigen Unterstützung auch scheinbar unüberwindbare Herausforderungen meistern können.
Didier, wie hat eure Freundschaft deine Taucherfahrung beeinflusst?
Stefano und ich kennen uns seit vielen Jahren. Dieses Vertrauen ist beim Tauchen entscheidend. Ich fühle mich sicher, mich auf ihn zu verlassen, und er vertraut mir ebenso. So kann ich mich auf mich selbst konzentrieren. Es ist eine besondere Verbindung. Wir kommunizieren durch Erfahrung und Intuition, selbst unter Wasser. Diese Freundschaft war entscheidend, um meine Herausforderungen zu überwinden und wieder Selbstvertrauen aufzubauen.
Stefano, was macht dieses Projekt für dich besonders?
Einer der schönsten Momente ist für mich, wenn Teilnehmende ihren ersten Tauchgang erleben. Ich erinnere mich an eine junge Frau im Rollstuhl, die noch nie im Wasser war. Anfangs war sie sehr nervös und hielt sich fest am Beckenrand. Doch in dem Moment, als sie untertauchte, schwebte sie frei und begann zu lächeln. Das Gefühl von Schwerelosigkeit und Unabhängigkeit war überwältigend. Solche Momente zeigen uns, warum dieses Projekt so wichtig ist und warum sich der ganze Aufwand lohnt.
Welche Zukunftspläne habt ihr und welche Botschaft möchtet ihr zum Schluss mitgeben?
Wir möchten unsere Reichweite erweitern und noch mehr Menschen in der Schweiz und in den Nachbarländern die Möglichkeit geben, das Tauchen zu erleben. Dazu gehört, zusätzliche Instruktor:innen auszubilden, Workshops zu organisieren und barrierefreie Materialien für die Teilnehmenden zu erstellen. Unser Ziel ist es, inklusives Tauchen nachhaltig zu verankern, getragen von einer starken Gemeinschaft.
Inklusion und Selbstbestimmung stehen im Zentrum unserer Arbeit. Menschen mit Behinderungen sollen die gleichen Möglichkeiten haben. Mit sorgfältiger Planung, der richtigen Unterstützung und viel Engagement können sie aussergewöhnliche Erfahrungen machen. Unser Projekt zeigt, dass Teamarbeit, Empathie und Einsatz Barrieren überwinden und neue Möglichkeiten schaffen können. Didiers Geschichte zeigt, dass es auch nach einschneidenden Veränderungen möglich ist, Fähigkeiten, Selbstständigkeit und die Freude am Tauchen zurückzugewinnen.
Du kannst die Geschichte von Didier hier ansehen:
https://www.rsi.ch/play/tv/storie/video/abissi-di-liberta?urn=urn:rsi:video:3265718
Veröffentlicht am: 16. April 2026
Text: Yordanos Pandiani