Zu gross für Kampfjets – perfekt für die grosse weite Welt

Nach fast 40 Jahren im Cockpit geht SWISS-Kapitän Fredrik «Fred» Lindegren in Pension. Aufhören will er trotzdem nicht. Der Mann aus Südschweden hat die goldenen Swissair-Jahre erlebt, den Einzug des Computerzeitalters ins Cockpit und Momente, in denen es richtig eng wurde. Warum ihn die Langstrecke nie mehr losgelassen hat, wie man ein Leben zwischen Kloten und Südschweden organisiert und wo dieser Beruf auch Schattenseiten hat: eine Begegnung mit einem Piloten, für den Fliegen bis heute vor allem eines ist: ein Privileg.

Mit weissem Polo, kurzen Hosen und schwitziger Stirn sitzt er auf der Bank. Erst als er aufsteht und auf mich zukommt, entfaltet sich die Schwarzenegger-Erscheinung, plötzlich kommt eine Wand auf mich zu. 1,94 Meter gross, kräftig gebaut, ein Händedruck wie ein Schraubstock. Seine Grösse war es auch, die seinen Jugendtraum durchkreuzte: Kampfjetpilot. «Zu gross», hiess es damals. «Beim Schleudersitz wären meine Beine wohl im Flugzeug geblieben», meint Fred schmunzelnd. Im Cockpit eines Linienflugzeugs hatte es dagegen genug Platz und diesen Platz hat Fredrik Lindegren sein ganzes Berufsleben nicht mehr verlassen.

Kapitän Fredrik Lindegren, hier zusammen mit seiner Crew, ist seit über vierzig Jahren in der Luftfahrt.
Kapitän Fredrik Lindegren, hier zusammen mit seiner Crew, ist seit über vierzig Jahren in der Luftfahrt.

Chicago, Boston – Bassersdorf
Wir treffen uns im «Squash Club Swissair» in Bassersdorf. Hier ist Fredrik Lindegren seit 33 Jahren Mitglied, ein Jahr, nachdem er aus Südschweden in die Schweiz gekommen ist. «Der Squash Club Swissair ist der einzige Club, der noch das Swissair-Logo führt», erzählt er stolz. Fred hat gerade mit einem Pilotenkollegen trainiert, das Gesicht ist noch etwas glasig. Vorgestern aus Chicago zurück, morgen geht es nach Boston – «so oft wie irgendwie möglich» kommt Fred zwischen den Flügen hierher. «Als Pilot bewegst du dich kaum, das gleiche ich hier aus.»

Auf dem Court ist Fred genauso klar wie im Cockpit. «Immer lang und tief musst du spielen», sagt er mit einer Begeisterung, die man von einem 60-Jährigen nach einem harten Match nicht unbedingt erwartet. Während andere den Ball erst warmföhnen, haut ihn Fred mit einer Nadal-Wucht an die Wand, dass einem jedes Mal etwas mulmig wird.

Drei Jahre geplant, ein Leben geblieben
«Lang und tief» passt nicht nur zum Squash. Es beschreibt auch seine fast 40-jährige Karriere in der Verkehrsfliegerei ganz treffend. 1992 kommt Fredrik Lindegren nach Kloten. Zusammen mit 45 anderen Piloten der skandinavischen Fluggesellschaft SAS aus Schweden und Norwegen wird er für drei Jahre an Swissair ausgeliehen. Der Auftrag: die Einführung des damals neuen MD‑11 im Flugbetrieb zu unterstützen. Swissair hatte zu dieser Zeit einen Pilotenmangel, weil der Vorgängertyp DC‑10 noch mit einem Flugingenieur betrieben wurde und im Cockpit nur ein Copilot sass. Beim MD‑11 war vieles automatisiert, Swissair flog mit drei, je nach Strecke und Distanz sogar mit vier Pilot:innen.

«Die Langstrecke hat mich gepackt», sagt Fredrik Lindegren. «Bei SAS flogen die meisten Piloten Kurzstrecke, bei Swissair war es umgekehrt: grosse Flotte, weite Welt.» Dazu kam die Schweiz selbst. «Ich bin als Kind viel in den Alpen gewesen. Und es hat mir und meiner Familie einfach gefallen.» Nach diesen drei Jahren hat Swissair-Chefpilot Alois Schneider allen skandinavischen Piloten eine Festanstellung angeboten. Rund die Hälfte der 45 Piloten ist geblieben, so auch Fred.

«Die Langstrecke hat mich gepackt»

Fredrik "Fred" Lindegren
SWISS Captain

Von der Glocke zum iPad
Wenn Fredrik Lindegren von seinen ersten Jahren im Cockpit erzählt, klingt es fast wie aus einer anderen Epoche. 1989 steigt er bei SAS auf der DC‑9 ein. «Dort hatte es nur Glocken im Cockpit», wie er sagt. Analoge Anzeigen, dicke Papierhandbücher, keine Bildschirme. Beim Nachfolger MD‑11, mit dem er ab 1992 für Swissair Langstrecke fliegt, wirkt das Cockpit plötzlich wie ein Sprung in die Zukunft: mehrere Displays, komplexe Automatisierung, der Flugingenieur verschwindet, dafür sitzen zwei oder drei Pilotinnen oder Piloten vorne.

«Für einige der älteren DC‑10-Kapitäne war das ein Riesenschritt», erinnert sich Fredrik Lindegren. «Früher konnten sie technische Probleme an den Spezialisten delegieren. Plötzlich mussten sie selbst in die Systeme eintauchen.» Nicht alle schafften diese Umstellung; manche bestanden die Umschulung nicht und gingen in Frühpension.

Vom Dreistrahler auf den Airbus: zuerst Kurzstrecke auf dem A320, heute fliegt Fredrik Lindegren den A330 und A340 mit dem Sidestick. Alle Karten und Manuals liegen inzwischen auf dem iPad. «Manchmal sehe ich junge Co-Piloten, die sind mit dem iPad aufgewachsen. Die sind viel schneller als ich», sagt er und deutet den nicht zu unterschätzenden Druck an, der hinter den Kulissen wirkt: «Wer in diesem Beruf nicht bereit ist, sich ständig an neue Technik, Verfahren und Tools anzupassen, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.»

Von Fernweh und Heimweh
Los Angeles, Dubai, Hongkong, Singapur – Fredrik Lindegren hat auf vielen Flügen auch immer wieder seine Tochter mitgenommen. Begeistert hat sie das aber nicht. «Einfach dasitzen, überwachen, Kaffee trinken und SWISS-Schöggeli essen», das fand sie langweilig, erzählt Fred lachend. Sie wurde Notfallärztin.

So verlockend die Langstrecke und das Leben in der Schweiz waren. Sie hatten ihren Preis. 2002 kehrt seine Frau mit der damals fünfjährigen Tochter nach Südschweden zurück. Das Heimweh war zu gross, es gab aber auch organisatorische Gründe. «Ich bin 100 Prozent geflogen, sie hat Teilzeit gearbeitet. Das war nicht immer einfach zu koordinieren», sagt er nüchtern. Fredrik Lindegren bleibt in der Schweiz. Ein Leben zwischen Kloten, dem Haus seiner Familie in Südschweden und all den Destinationen, zu denen ihn sein Piloten-Dasein führt, beginnt. Geburtstage, Schulalltag, gemeinsame Wochenenden: Vieles findet ohne ihn statt. Rückblickend spricht er trotzdem von einem guten «Arrangement» – aber eben auch von einer Realität des Berufs, über die weniger gern gesprochen wird: «Langstrecke bedeutet nicht nur grosse weite Welt, sondern manchmal auch grosse Distanzen im Alltag.»

Trotz allem bleibt Fliegen für ihn Leidenschaft. «Die Begeisterung fürs Fliegen wird nie aufhören» und auch die Begeisterung für die Marke SWISS. SWISS sei für ihn etwas ganz Spezielles. Er sei je nach Destination auch mit anderen Airlines geflogen, «aber es ist einfach nicht dasselbe. Die Herzlichkeit, der Service – das ist unvergleichlich». «Für SWISS zu fliegen ist ein Privileg!»

«Die Begeisterung fürs Fliegen wird nie aufhören»

«One Night Stand» in Johannesburg
Bald steht der sogenannte «Declared Last Flight» an, – sein letzter Einsatz als festangestellter Kapitän bei SWISS. Für diesen Flug darf er die ganze Crew selbst zusammenstellen, den Co-Piloten auswählen und die Destination bestimmen. Es sind alles enge Freunde. Ziel: Johannesburg.

Der Zufall will es, dass diese Rotation nur eine Nacht Aufenthalt vor Ort vorsieht. «Es wird nur einen One Night Stand in Johannesburg geben», sagt Fred schmunzelnd. «Früher haben wir an manchen Destinationen bis zu einer Woche verbracht.»

Wie fühlt sich ein Pilot, der seit bald 40 Jahren fliegt, kurz vor diesem Moment? Fred sitzt entspannt da, an Coolness kaum zu überbieten. «Es macht mir nicht viel aus», sagt er. «Es wird ja noch nicht mein letzter Flug sein.»

Tatsächlich: Zu Hause liegt der unterschriebene Freelance-Vertrag bereit. Freelance bedeutet, dass er nach der regulären Pensionierung nicht mehr fest angestellt ist, sondern mit einer maximalen Auslastung von 50 Prozent als Kapitän ins Cockpit zurückkehrt. Ein, zwei Langstrecken im Monat statt voller Dienstplan. Fredrik Lindegren weiss, dass er weiterhin gefragt sein und wohl noch einige Dutzend Flüge als Freelancer machen wird. Es ist noch kein Abschied, eher ein Gangwechsel. Oder, um in der Aviatik zu bleiben: der Beginn des Landeanflugs einer langen Pilotenkarriere.