In Zeiten von Flightradar24, Live ATC (Air Traffic Control), sozialen Medien und Leserreporter:innen sind Unregelmässigkeiten im Flugbetrieb in Echtzeit sichtbar. Entsprechend schnell werden sie zum Thema und weltweit verbreitet. Diese Transparenz verändert die Wahrnehmung des Flugbetriebs, doch mehr Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch mehr Ereignisse. Fliegen ist nicht plötzlich gefährlicher geworden, Fliegen ist sichtbarer geworden. Und hinter den einzelnen Ereignissen stehen sowohl in der Luft als auch am Boden klar strukturierte Prozesse.
Warum es zu Ausweichlandungen kommt
Als Ausweichlandung (auf Englisch «Diversion») wird die Landung eines Fluges an einem anderen als dem ursprünglich vorgesehenen Zielflughafen bezeichnet. Dazu zählen sowohl Landungen an einem alternativen Flughafen als auch die Rückkehr zum Abflughafen. Ausweichlandungen sind vorgesehene Handlungsoptionen, für die es unterschiedliche Gründe geben kann.
Bei SWISS kam es 2025 zu 150 Ausweichlandungen bei rund 143 000 Flügen. Das entspricht 0,1 Prozent aller Flüge oder jedem Tausendsten Flug. Durchschnittlich kam es damit alle zweieinhalb Tage zu einer Umleitung. Zu den häufigsten Ursachen zählen Wetterbedingungen und technische Ereignisse. Grössere Wetterereignisse können die Statistik bewegen, ganz ohne einen grundsätzlichen Trend zu bedeuten. Einen Anstieg von Ausweichlandungen im Vergleich zum Vorjahr gab es bei SWISS aufgrund von Drohnensichtungen an Flughäfen, Ausfällen bei der Flugsicherung sowie ungenügender Sichtbedingungen. Drohnensichtungen können beispielsweise dazu führen, dass der Betrieb an einem Flughafen kurzfristig eingeschränkt oder eingestellt wird. Für anfliegende Flugzeuge stellt sich dann die Frage, ob genügend Zeit für ein Warten verbleibt oder ob ein Ausweichflughafen angeflogen werden muss. Bei medizinischen Notfällen steht ein Flughafen mit guter medizinischer Infrastruktur oder je nach Zeitdruck der nächstmögliche Flughafen im Fokus. Oberste Priorität bei allen Entscheidungen hat immer die Sicherheit.
«Eine Ausweichlandung ist eine bewusste Entscheidung.»
SWISS Langstrecken-Flottenchef und Captain Boeing 777
Was passiert im Cockpit?
Pilot:innen beurteilen während eines Fluges laufend das Wetter, überwachen den technischen Zustand und Treibstoff des Flugzeuges und prüfen verfügbare alternative Flughäfen, die auf jeder Route bereits als Ausweichflughäfen vordefiniert sind. «Wir denken während eines Fluges immer in Szenarien und Alternativen. Entscheidend ist, frühzeitig die sicherste Option zu identifizieren und umzusetzen», sagt Frank Zuber, SWISS Langstrecken-Flottenchef. Dabei stehen die Cockpitbesatzung und die Einsatzzentrale in regelmässigem Austausch. Sicherheit hat stets Vorrang vor Pünktlichkeit, Kosten oder betrieblicher Komplexität. Der abschliessende Entscheid wird immer vom jeweiligen Kapitän gefällt.
«Eine Ausweichlandung ist eine bewusste Entscheidung für die Sicherheit. Um ein mögliches Risiko zu mitigieren, entscheiden wir je nach Situation lieber für eine vorsorgliche Zwischenlandung», betont Frank Zuber.
«Pan-Pan» und «Mayday» beschreiben keine Ursachen
Im Funkverkehr gibt es unterschiedliche Signale, um auf eine aussergewöhnliche Situation aufmerksam zu machen. Während die Cockpitbesatzung verschiedene Optionen beurteilt, sind Teile dieser Prozesse heute auch von aussen sichtbar. Etwa wenn der Transponder-Notcode 7700 abgesetzt oder über öffentlich zugängliche Funkkanäle ein «Pan-Pan» oder «Mayday» wahrgenommen wird. Ein Code allein gibt jedoch keinen Aufschluss über die konkrete Ursache oder Schwere eines Ereignisses. Diese kann sehr unterschiedlich und beispielsweise auch medizinischer Natur sein. «Wenn Beobachter:innen den Code 7700 sehen, wird oft sofort von einer akuten Notlage ausgegangen. Die Ursache kann jedoch sehr unterschiedlich sein und lässt sich von aussen in der Regel nicht beurteilen», erklärt Frank Zuber.
Sicherheitssysteme in der Luftfahrt sind zudem auf Redundanz ausgelegt. Der Ausfall eines einzelnen Systems bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Flugzeug nicht mehr sicher betrieben werden kann. Wenn beispielsweise ein hydraulisches System ausfällt, können zwei weitere Systeme diese Funktionen übernehmen. Bei einem medizinischen Notfall hat die Erstversorgung des betroffenen Fluggastes Priorität. In der Regel wird versucht, den Patienten zu stabilisieren, dafür stehen im Flugzeug eine grosse Auswahl an Notfallmedikamenten zur Verfügung. Diese werden in enger Absprache mit unserem medizinischen Dienst MedAire verabreicht. MedAire können wir bei Bedarf über Satellitentelefon kontaktieren. In Ausnahmefällen und bei einer akuten, lebensbedrohlichen Erkrankung, kann auch eine Ausweichlandung in Betracht gezogen werden.
«Pan-Pan», «Mayday» und 7700 auf einen Blick
«Pan-Pan» und «Mayday»-Meldungen beschreiben die Dringlichkeitsstufe einer Situation:
- «Pan-Pan» steht für eine dringliche Situation. Dies kann technische oder operationelle Hintergründe haben, z.B. ein medizinisches Problem eines Passagiers oder der Ausfall eines einzelnen Systems.
- «Mayday» steht für eine Notlage. Mit diesem Ausdruck signalisiert die Cockpitbesatzung der Flugsicherung eine Not- oder Dringlichkeitssituation.
- 7700 ist der allgemeine Notfallcode des Transponders. Dieser kann auch auf Anordnung der Flugsicherung abgesetzt werden, um bessere Sichtbarkeit für Lotsen zu erreichen.
Hinter einer Ausweichlandung steht eine ganze operative Kette
Die wichtigsten Ausweichflughäfen bei Flügen nach Zürich für SWISS sind Basel, Genf und Stuttgart. Doch eine Ausweichlandung beendet zwar die «Diversion», dann aber beginnen erst die Auswirkungen. Passagier:innen, Crews und Flugzeuge sind plötzlich am falschen Ort. Nicht da, wo sie hinwollten, nicht da, wo sie gebraucht werden. Es braucht möglicherweise eine technische Untersuchung, bestimmte Ersatzteile oder die Unterstützung von Mechaniker:innen. Wenn die maximal zulässigen Crew-Dienstzeiten überschritten werden, muss zudem eine Ersatz-Crew organisiert werden. Wenn keine Ersatzcrews oder Ersatzmaschinen bereitgestellt werden können, entstehen möglicherweise Nachfolgeverspätungen oder Flugstreichungen. Betroffene Passagier:innen werden möglichst schnell informiert und es wird eine zeitnahe alternative Reisemöglichkeit für sie organisiert.
Eine Ausweichlandung beendet zwar die «Diversion», dann aber beginnen die Auswirkungen.
Was passiert am Boden?
Auf Flightradar24 ist das Flugzeug auf der Karte ersichtlich. Die Ursache und die tatsächliche Situation an Bord lassen sich daraus jedoch nicht ablesen. Am Boden treffen unsere Teams auf viele unterschiedlichste Herausforderungen. Passagier:innen müssen umgebucht und Hotelübernachtungen, Verpflegung und Transport bis zum Weiterflug organisiert werden. Dutzende von Entscheidungen, damit die Passagier:innen trotz allem möglichst schnell und sicher an ihr Ziel kommen. Das Passenger Care Center (PCC) betreut Passagier:innen rund um die Uhr. Und die Grundfrage, die hinter all diesen Entscheidungen steckt, lautet «Was ist insgesamt für die meisten Passagier:innen die beste Lösung?»
Auch Passagiere tragen Verantwortung
Seit Januar 2026 gilt bei SWISS die neue Powerbank-Regelung. Pro Passagier:in dürfen seither nur zwei Powerbanks mitgeführt werden. Diese dürfen am Bord weder geladen noch benutzt werden. Passagier:innen tragen damit eine Mitverantwortung für die allgemeine Sicherheit. Unsere Crews werden zudem regelmässig geschult, um in allen Situationen nach klar definierten Verfahren handeln zu können.
Eine Ausweichlandung ist damit weit mehr als eine geänderte Flugroute auf Flightradar24. Hinter jedem einzelnen Ereignis stehen zahlreiche Entscheidungen in der Luft und am Boden. Ziel ist es, aus einer ungeplanten Situation möglichst schnell wieder einen sicheren und stabilen Betrieb herzustellen und die Auswirkungen für die Passagier:innen so gering wie möglich zu halten.
Text: Isabel Kienbaum
Titelbild: Frank Zuber
Veröffentlicht am 15. Oktober 2026