Von der Sonne aufgeheizt: Wie Flugzeuge am Boden gekühlt werden

Wer an einem heissen Sommertag ein Flugzeug betritt, fragt sich vielleicht, warum die Kabine nicht bereits angenehm kühl ist. Tatsächlich hängt die Temperatur an Bord von einer Vielzahl technischer, betrieblicher und infrastruktureller Faktoren ab. Benjamin Gajewski, Flight OPS Efficiency & Analytics Pilot und First Officer auf dem Airbus A320, erklärt, wie Flugzeuge am Boden klimatisiert werden und weshalb sich eine warme Kabine trotz aller Bemühungen nicht immer vermeiden lässt.

Die Temperatur hängt vom Wetter und der Vorgeschichte des Flugzeugs ab
Ob die Kabine beim Boarding angenehm temperiert oder eher warm ist, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: dem aktuellen Wetter und davon, wann das Flugzeug zuletzt ausreichend klimatisiert wurde. Ist ein Flugzeug kurz zuvor von einem anderen Flug zurückgekehrt, ist das Kabineninterieur meist noch angenehm temperiert. Anders sieht es aus, wenn die Maschine mehrere Stunden in der Sonne gestanden hat. Ähnlich wie bei einem Zelt, das sich an einem Sommertag aufheizt, kann die Temperatur im Flugzeuginneren deutlich über die Aussentemperatur ansteigen. Bei der aktuellen Sommerhitze samt intensiver Sonneneinstrahlung ist es wichtig, die Flugzeuge möglichst gut zu klimatisieren.

Drei Wege zur klimatisierten Kabine
Für die Kühlung eines Flugzeugs am Boden stehen grundsätzlich drei Möglichkeiten zur Verfügung:

  • Pre-Conditioned Air (PCA): Klimatisierte Luft wird über Luftschläuche vom Flughafen ins Flugzeug geleitet.
  • Mobile Klimaanlagen (Air Conditioning Units): Externe Klimageräte versorgen die Kabine mit gekühlter Luft.
  • Auxiliary Power Unit (APU): Das Hilfstriebwerk im Heck des Flugzeugs liefert Energie und Druckluft für die Klimatisierung.

Aus ökologischer Sicht hat die Pre-Conditioned Air die beste Bilanz, weshalb sie bevorzugt eingesetzt wird. Allerdings verfügen nicht alle Flughäfen über leistungsfähige Anlagen und teilweise fehlt diese Infrastruktur sogar vollständig. In solchen Fällen greifen die Crews auf die alternativen Systeme zurück.

Klimatisierung ist komplexer als gedacht
Grundsätzlich kann jedes Flugzeug am Boden gekühlt werden, sofern mindestens eines der oben genannten Systeme genutzt werden kann. Dennoch beginnt die Klimatisierung nicht bereits Stunden vor einem Flug, sowohl Umweltaspekte als auch wirtschaftliche Überlegungen spielen dabei eine Rolle. Hinzu kommt die technische Komplexität. Wird gekühlte Luft ins Flugzeug eingeblasen, muss gleichzeitig Luft aus der Kabine entweichen können. Andernfalls wäre die Kühlwirkung eingeschränkt und der Kabinendruck würde ansteigen. Bei einigen Flugzeugtypen, darunter der Airbus A220, müssen bestimmte elektrische Systeme aktiviert sein, damit die entsprechenden Auslassklappen geöffnet werden können.

«Wird klimatisierte Luft ins Flugzeug geleitet, muss gleichzeitig Luft ausströmen können, um einen Überdrucksituation in der Kabine zu vermeiden.»

Benjamin Gajewski

Wenn Umweltvorgaben die Kühlung beeinflussen
Auch Umwelt- und Lärmschutzvorgaben spielen eine wichtige Rolle bei der Klimatisierung am Boden. Die Regelungen unterscheiden sich je nach Flughafen teilweise erheblich. So darf die APU an manchen Flughäfen nur während festgelegter Zeitfenster betrieben werden. In Barcelona ist dies beispielsweise lediglich zwei Minuten nach der Ankunft am Gate sowie sechs Minuten vor dem Pushback erlaubt. Ein Verstoss wird mit hohen Geldbussen bestraft. Um die APU ausserhalb dieser Zeiten nutzen zu dürfen, braucht es häufig eine Ausnahmebewilligung der zuständigen Flughafenbehörde.

Warum es beim Triebwerksstart kurzzeitig wärmer werden kann
Eine Situation, in der sich steigende Temperaturen kaum vermeiden lassen, ist der Start der Triebwerke. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Luftschlauch des Flughafens bereits entfernt. Gleichzeitig wird die von der APU erzeugte Druckluft für den Triebwerksstart benötigt und steht daher vorübergehend nicht mehr für die Klimatisierung zur Verfügung. Ein Triebwerksstart dauert je nach Flugzeugtyp zwischen 50 und 90 Sekunden. Werden zwei Triebwerke direkt nacheinander gestartet, können mehrere Minuten ohne aktive Kühlung entstehen. Die Luft zirkuliert zwar weiterhin in der Kabine, wird jedoch nicht aktiv gekühlt. Wenn möglich werden an warmen Tagen spezielle Verfahren angewendet, damit nach dem ersten Triebwerksstart bereits wieder klimatisierte Luft in die Kabine gelangt.

Alle Beteiligten arbeiten am gleichen Ziel
Sowohl Ground Staff als auch Cockpit- und Kabinenbesatzung setzen jederzeit alles daran, den Gästen eine möglichst angenehme Umgebung zu bieten. Wenn die Kabine beim Einsteigen dennoch warm ist, arbeiten die Verantwortlichen in den meisten Fällen bereits an einer Lösung. Dabei müssen oftmals technische Abläufe, betriebliche Vorgaben und lokale Vorschriften berücksichtigt werden.

«Wir haben jederzeit das gleiche Interesse wie unsere Gäste.»

Benjamin Gajewski

Geduld zahlt sich aus
Eine warme Kabine beim Boarding bedeutet also nicht, dass die Klimatisierung vergessen wurde oder nicht funktioniert. Oft sind die Ursachen auf äussere Bedingungen, technische Abläufe oder regulatorische Vorgaben zurückzuführen. Mit etwas Geduld verbessert sich die Situation in den meisten Fällen innerhalb weniger Minuten, denn das Team an Bord und am Boden arbeitet bereits daran, die Kabine so angenehm wie möglich zu temperieren.

Text: Benjamin Gajewski und Isabel Kienbaum

 

Titelbild: Benjamin Gajewski (Hinweis: Auf dem Titelbild verteilt First Officer Benjamin Gajewski Schokolade in der Kabine am Boden, während er und seine Crew auf ein Abflugfenster warten.)

 

Veröffentlicht am 19. August 2026