SWISS: Gian, erzähl uns mehr über eure Anfänge und wie es dazu kam, dass wir heute hier in eurer eigenen Produktionsstätte in Zürich sitzen?
Gian: Wir sind zwei Brüder – «Deux Frères» (frz.): mein Bruder Florian und ich, Gian. Schon früh wollten wir etwas Eigenes aufbauen und unsere zunächst klassischen Ausbildungen waren die ideale Basis dafür; Florian als Chemielaborant mit Studium in Lebensmitteltechnologie, ich mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund.
Noch bevor Gin – unser erstes prägendes Produkt – überhaupt realisiert war, war uns klar: Wir wollen für guten Geschmack stehen und nicht einfach ein weiterer Gin-Produzent sein. Statt ein einzelnes greifbares Produkt ins Zentrum zu stellen, ging es uns von Anfang an um eine Haltung, eine Ästhetik. Das hat vieles geprägt – vor allem, wie wir die Marke aufgebaut haben. Und ich bin der Meinung, dass wir genau deshalb später neue Produkte wie alkoholfreien Sparkling Tea lancieren konnten – nicht als Produkte-Bruch, sondern als logische Weiterentwicklung einer Marke, die von den Leuten verstanden wird.
Wie ist es, mit dem eigenen Bruder eine Marke aufzubauen?
Wir haben ein sehr enges Verhältnis und wohnen sogar im gleichen Haus (lacht). Natürlich gab es anfangs Reibungen, vor allem bei der Rollenverteilung – aber genau daran sind wir gewachsen. Wir ergänzen uns gut: Ich bringe Ideen ein, auf die mein Bruder so vielleicht nicht kommen würde, während er Dinge hinterfragt, die ich zu schnell umsetzen würde.
Heute ist unsere Zusammenarbeit vor allem deshalb so stark, weil das Vertrauen da ist. Wir können schnell entscheiden und direkt umsetzen. Das ist ein riesiger Vorteil, der sich zum Beispiel während der Corona-Pandemie gezeigt hat: Im Schichtbetrieb haben wir innerhalb von drei Tagen ein Desinfektionsmittel entwickelt und gleichzeitig die Produktion hochgezogen. Kurz hatten wir Sorge, dass das falsch verstanden werden könnte, am Ende hat unser Unternehmen jedoch dank genau diesem Produkt die Krise überlebt.
Inzwischen arbeitet auch unsere Schwester im Unternehmen und zu Beginn hat sogar unsere Mutter beim Abfüllen des Gins geholfen. Wir haben klein angefangen – mit rund 230 Litern pro Batch. Heute sind es etwa 2000. Das zeigt, woher wir kommen.
Gian, warum Gin?
Für uns war früh klar, dass unser erstes Produkt eine klare Spirituose sein sollte, vor allem, weil ich von Anfang an die Idee mit dem Farbwechsel hatte, mehr dazu aber später. Vodka war uns zu neutral und eindimensional. Gin hat uns die Möglichkeit gegeben, eine eigene Aromatik zu entwickeln.
«Mit einer Mischung aus Naivität, Glück und extrem viel Eifer haben wir einfach gemacht und sind vielleicht genau deshalb Dinge anders angegangen.»
So sind wir zwar naiv, aber sehr fokussiert in die Produktentwicklung gestartet. Da hatten wir weder viel Geld noch Ahnung von der Getränke-Branche. Vielleicht war genau das unser Vorteil: Mit dieser Mischung aus Naivität, Glück und extrem viel Eifer haben wir einfach gemacht und sind vielleicht genau deshalb Dinge anders angegangen. Die Zeit war von sehr viel «Trial and Error» geprägt.
Was zeichnet euren Gin aus?
Für uns ist ein Produkt immer ein Gesamterlebnis, geschmacklich wie visuell. Beim Gin zeigt sich das besonders im Farbwechsel, mit dem wir damals Aufsehen erregt haben: Gibt man Tonic Water dazu, wird aus zartem Rosa ein leuchtendes Pink – ganz ohne Zusatzstoffe, allein durch pflanzliche Inhaltsstoffe. Der Hintergrund dazu ist eigentlich ziemlich wissenschaftlich: Florian hat sich intensiv mit pH-Indikatoren beschäftigt, und genau dieses Wissen macht den Effekt möglich.
Für mich war dieses natürliche Phänomen von Anfang an zentral. Mein Bruder hingegen sah sofort die Herausforderungen – Haltbarkeit, Stabilität, Konsistenz. Genau diese zwei Perspektiven machen uns stark: Der eine denkt freier, der andere strukturierter.
Was rein den Geschmack angeht, so ist der Wacholder klar präsent, ergänzt durch florale Noten. Rund 25 Kräuter sind so abgestimmt, dass sie als ausgewogenes Gesamtbild wirken – ohne dass eine einzelne Zutat dominiert.
Was ist euer «Geheimrezept»?
Neben der Fähigkeit, schnell zu entscheiden und umzusetzen, folgen wir grundsätzlich keinen bestehenden Regeln. Wenn wir eine Idee haben, setzen wir sie um – egal, ob es ein Roséwein ist, von dem uns alle abgeraten haben, oder unser neuestes Produkt: ein Room Spray aus Resten der Gin-Herstellung.
Der aus der Gin Produktion resultierende «Nachlauf» ist für den Gin selbst ungeeignet, enthält aber weiterhin viele spannende Aromastoffe, vor allem ätherische Öle. Worin andere ein Nebenprodukt sehen, sehen wir Potenzial. Statt es zu verwerfen, fragen wir uns: Was lässt sich daraus entwickeln?
Für uns ist das typisch: Dinge neu denken, Ressourcen sinnvoll nutzen und aus bestehenden Prozessen etwas Eigenständiges schaffen.
Der Trend geht immer mehr in Richtung alkoholfreie Varianten. Könnt ihr das bestätigen?
Ja, absolut. Wir sehen diesen Trend sehr deutlich. Mit dem Thema alkoholfrei beschäftigen wir uns schon seit Jahren. Gerade im Gin-Bereich haben wir jedoch lange nichts gefunden, das uns wirklich überzeugt hat – vieles hatte für uns geschmacklich schlicht keine Berechtigung.
«Vieles hat uns geschmacklich einfach nicht überzeugt... deswegen sind wir auf fermentierten Tee als Basis für unseren alkoholfreien Schaumwein gekommen.»
Zunächst haben wir mit Produzenten gearbeitet, die Wein entalkoholisieren. Wir haben viel ausprobiert und getüftelt, doch wirklich überzeugt hat uns das Ergebnis nie. Irgendwann haben wir deshalb bewusst die Richtung gewechselt, hin zu fermentiertem Tee als Basis für unseren alkoholfreien Sparkling Tea «La Fête sans».
Das war ein mehrjähriger Prozess, nicht zuletzt, weil wir konsequent auf Konservierungsstoffe verzichten wollten. Themen wie Haltbarkeit und Stabilität wurden dadurch deutlich anspruchsvoller – aber genau dieser Anspruch ist uns wichtig.
Welcher Moment macht euch rückblickend besonders stolz?
Ein Schlüsselmoment war für uns die Aufnahme ins Sortiment des führenden Schweizer Luxuswarenhauses Globus. Da wurde uns erstmals bewusst: Okay, wir werden wirklich wahrgenommen. Oder als wir in einer Bar standen, und jemand unseren Gin bestellt hat, ohne zu wissen, dass wir dahinter stecken. Das sind die Momente, in denen man merkt, dass die eigene Vision beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln.
Was bedeutet es für euch, euren lokal in Zürich produzierten Gin an Bord von Europaflügen von SWISS einem internationalen Publikum zu präsentieren?
Das macht uns sehr stolz. Deux Frères ist eine vergleichsweise kleine Marke und plötzlich an Bord unserer nationalen Airline zu sein, neben traditionsreichen Schweizer Namen wie Sprüngli, dann ist das etwas ganz Besonderes für uns. SWISS trägt dieses Schweizerische in die Welt hinaus, und ein Teil davon zu sein, hat für uns eine grosse Bedeutung. Es zeigt auch, dass sich unsere Arbeit auszahlt und dass wir als Marke ernst genommen werden.
«SWISS trägt das Schweizerische in die Welt hinaus, und ein Teil davon zu sein, hat für uns eine grosse Bedeutung.»
Welche Rolle soll die Marke in der Schweizer Unternehmenskultur spielen?
Im besten Fall wird Deux Frères irgendwann so etwas wie ein moderner Schweizer Klassiker. Das wäre für uns ein schönes Ziel: eine Marke aufzubauen, die langfristig Bestand hat, die für Qualität und Geschmack steht – und die gleichzeitig zeigt, dass man auch als junge Firma neue Wege gehen und Dinge anders denken kann.
Mehr zu Deux Frères hier.
Interview: Jeannine Staub
Fotos: Alexander Mai, Aladin Klieber
Veröffentlichung: 25 Juni 2026