«An diesem Tag ist ein neuer Sound nach Bern gekommen»

Die Sonderlackierung des neuen Airbus A350 von SWISS zeigt unter anderem einen Menschen, der vor dem Bundeshaus auf einem Hang spielt, einem Musikinstrument mit Schweizer Geschichte. Wir sind nach Bern gereist, um mehr über das Instrument und das Erfinderpaar zu erfahren. Sie erzählen, wie die Klänge einer Steelband alles veränderten.

Der A350 mit Sonderbemalung.
Der A350 mit einer Sonderbemalung.

Beinahe 50 Jahre ist es her, dass das Schicksal den Lehrer und Musiker Felix Rohner aus Bern auf einen neuen Weg geführt hatte. Felix war an diesem Tag im September 1976 am Berner Stadtfest. «Der Hotelierverein Bern hatte der Stadt einen Auftritt einer Musikband geschenkt.» Aufgetreten ist eine Steelband: Musiker, die von einer kleinen Insel vor Venezuela stammen, spielten auf alten Ölfässern und verzauberten die Berner:innen. «An diesem Tag ist ein neuer Sound nach Bern gekommen – eine neue Stimmung», sagt Felix Rohner.

Felix ist von dieser Stimmung so verzaubert, dass er Nägel mit Köpfen macht und am Tag darauf seine eigene Steelband gründet, die sich «Berner Ölgesellschaft» nennt. «1979 durften wir dann das Gurten-Festival eröffnen», erklärt er. «Wir haben mit unseren selbst gebauten Steelpans schon bald an vielen Festen aufgespielt und die Berner Gassen beschallt. Wir haben gespielt, was wir gefühlt und gewollt haben. Wir haben zu diesem Zeitpunkt nicht einmal genau gewusst, wo Trinidad liegt. Ich besuchte die Insel erst 13 Jahre später.»

Felix Rohner beim Feinstimmen eines Hang Plexus, der neusten Klangskulptur aus dem PANArt
Felix Rohner beim Feinstimmen eines Hang Plexus, der neusten Klangskulptur aus dem PANArt

Die Begeisterung für das Spielen auf alten Ölfässern erfasste nicht nur Felix Rohner zu dieser Zeit in Bern. «Zwischen Bern und Zürich wollten viele in einer Steelband spielen. Entweder haben die Menschen unter meiner Anleitung selbst Instrumente gebaut oder sie gekauft.»

 

Felix und Sabina: Mit Hingabe am klingenden Blech

Doch schon bald tauchte ein Problem auf. «Wenn man sich mit diesen alten Ölfässern ins Spiel legt, dann verstimmen sie sich», erklärt Felix. Durch seine Kontakte mit der Steelbandszene Englands hatte er die Gelegenheit den Beruf des Tuners und seine zentrale Stellung in der Steelband kennenzulernen. Er tauchte in die Welt der Steelbandmusik ein und wurde ein Tuner, ein Schöpfer von reizvollen Klängen aus Spundfässern und Stimmer von vielen Schweizer Steelbands, die in den neunziger Jahren entstanden.
Das Resultat dieser Berufswahl ist heute, fast 50 Jahre später, gut ersichtlich. In Bern, etwas abseits von der Stadt und direkt an der Aare, steht das Atelier der PANArt. In den hellen Räumlichkeiten mit den hohen Wänden ist regelmässig  ein melodisches Klopfen zu hören. Vor den Wänden stehen auf Gestellen verschiedene Musikinstrumente; von alten Ölfässern, wie sie auf Trinidad gespielt werden, ist hier wenig zu sehen. Vielmehr sind es Instrumente, die aussehen wie kleine Ufos.

Sabina Schärer beim Bau einer Klangskulptur.
Sabina Schärer beim Bau einer Klangskulptur.

«Wir wollten eine eigene Geschichte erschaffen, vom Impuls von Trinidad angetrieben, aber mit anderen Klängen. Sie sollten weicher und weniger aggressiv sein und jeder sollte das Instrument spielen dürfen, egal welchen Alters oder Geschlechts.»
Mit «wir» meint Felix auch seine Lebensgefährtin Sabina. Sie und Felix lernten sich in einer Steelband kennen. «Es gab zu dieser Zeit wenig Tuner, also eigentlich nur Felix – deshalb fing ich an, es auch zu lernen», sagt Sabina.
Sie führt uns durch die verschiedenen Entwicklungsstufen der Instrumente, die sie und Felix hergestellt haben. Oft scheiterten die beiden am Material, das sich nicht so bearbeiten liess, wie sie es sich wünschten. «Wir haben Fasshersteller kontaktiert und von ihnen Fässer für unsere Versuche erhalten, ab einem gewissen Punkt haben wir es aber mit den Fässern aufgegeben – die Schweizer Steelbands pflegten einen allzu harten Spielstil, so dass sich die Steelpans schnell verstimmten», erklärt sie und lacht.

 

Der erste Rohling entsteht

Die beiden arbeiteten hart und gelangten so zu den ersten Rohlingen, woraus Klangobjekte entstehen. «Viel Material war einfach zu weich», erklärt Felix Rohner. Er setzte sich sogar mit einem Schlosser zusammen, um zu lernen, wie die Metallindustrie solches Material härtet. Der Musiker und seine Lebensgefährtin wühlten sich ausserdem auch durch wissenschaftliche Abhandlungen, um ihr Instrument zu verbessern. Die Lösung der langen Suche: Stickstoff zum Härten des Materials. «Wir haben die magische Klangwelt des Steelpans mit Wissenschaft verbunden, daraus entstand unser Hang.» Dank einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit der Fachhochschule Biel konnte für das neue Material, einem Komposit, ein Patent angemeldet werden.

Heute haben Sabina und Felix verschiedene Klangskulpturen- so nennen sie ihre Werke- im Angebot. «Aber das Grundgerüst ist eigentlich immer das gleiche: Ein sphärisches Netzwerk von Klängen, Plexus genannt, wird von einer Gegenform gehalten. Was den Klang betrifft: Von den vielen Parametern, die unsere Kunst bestimmen, sind einige für uns wichtig. Sie führen zum typischen und einmaligen Klang unserer Instrumente. Am Ende des Tages, da sei aber jedes Hang anders, erklärt Sabina.

 

Die Schöpfer des Hang Felix Rohner und Sabina Schärer.
Die Schöpfer des Hang Felix Rohner und Sabina Schärer.

Die ersten Kopien entstehen

Die Instrumente von PANArt werden immer beliebter. 2004, in einer Zeit, in der das Internet stetig populärer wird, gehen die Nachfrage nach den Hangs durch die Decke. Kundinnen und Kunden kommen aus dem In- und Ausland nach Bern. Doch nicht nur Endkund:innen werden auf das Hang aufmerksam, sondern bald auch die Musikgeschäfte. «Wir hatten da etwas ausgelöst, was wir nie erwartet hätten», sagt Sabina. Um Konkurrenz im Geschäft wäre man nicht traurig gewesen, denn der grossen Nachfrage konnte man nicht gerecht werden. «Fälschlicherweise waren wir aber der Meinung, dass die Konkurrenz vorgehen würde wie wir», erklärt Felix. «Wir dachten, sie würde, inspiriert von unserer Arbeit, etwas Eigenes entwickeln.» Häufig sei es vorgekommen, dass schlecht produzierte Instrumente unter dem Namen Hang verkauft wurden. «Die Leute kommen dann zum Stimmen vorbei und wir können nicht helfen», erklärt Felix.
«Es geht hier um die Vereinnahmung unserer Geschichte», ergänzt Sabina. Mittlerweile waren die Beiden auch schon vor Gericht zur Verteidigung ihres Urheberrechts am Hang und bekamen Recht.
«Uns geht es vor allem um unsere Kundinnen und Kunden, die sich wünschen, dass ein Hang von einer Kopie unterschieden werden kann. Wir haben mit den Herstellern von Kopien auch bereits Vergleiche angestrebt, leider erfolglos.», so Sabina Schärer.

Bei alldem kommt man nicht darum herum, sich zu fragen, wie die Menschen in Trinidad zu all diesen neuen Instrumente stehen. «Wir wurden im Jahr 2000 an eine Konferenz zum Thema Steelpan nach Trinidad eingeladen», erklärte Sabina Schärer. «Wir wollten auch sie inspirieren und nahmen alle unsere Klangwerke und fuhren mit einem Cargoschiff in die Karibik. Gegen das Instrument aus Bern haben die Trinidader derweil nichts. So sagte Dr. Anthony Achong, Physiker und Steelpanforscher aus Trinidad und Organisator der Konferenz: «You gave a contribution to our story.»