Backstage bei den Kühen

Zehntausende besuchen jedes Jahr das weltberühmte Montreux Jazz Festival. Die wenigsten von ihnen lernen das traditionell geprägte Hinterland der mondänen Stadt kennen. Leider - denn das gebirgige Pays-d’Enhaut bietet ein fantastisches Kontrastprogramm zum internationalen Spektakel am See.

Gerade noch lag er direkt unter uns. Jetzt hat dichter Nebel den Genfersee mitsamt den Fährschiffen und Segelbooten verschluckt. Die Häuser von Montreux? Die Weinberge des Lavaux? Verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Wir stehen auf einem Felsvorsprung, und nichts deutet darauf hin, dass sich 1500 Meter unter uns jene Wasseroberfläche befindet, die der berühmte Waadtländer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz mit dem Meer verglichen hat. Sichtbar sind nur noch Bäume, Moos und Farn und ein begraster Grat mit Tausenden von Blumen. Irgendwo bimmeln Glocken. Wahrscheinlich sind es die von Christophe Pilets Kühen.

Leben und Arbeiten auf der Alpe von Christophe Pilet in 1620 Metern Höhe

Pilets Alpe liegt eine halbe Stunde Fussmarsch von unserem Aussichtspunkt entfernt auf 1620 Metern in den Waadtländer Alpen. In dem langgestreckten Gebäude werden die Kühe gemolken, die Schweine und die Kälber gefüttert und hier leben und schlafen die Mitarbeitenden in den Sommermonaten. Einer von ihnen ist mein Sohn, Baptiste, den ich gerade zusammen mit einem Bergsteigerfreund besuche. Und natürlich befindet sich in der Alpe auch die Käserei, in welcher der würzige L’Etivaz nach althergebrachter Methode hergestellt wird. Über offenem Holzfeuer, so schreibt es die Regel vor, wird die Milch in einem Kupferkessel erhitzt und zum Stocken gebracht. Zwei wagenradgrosse Laibe entstehen so Tag für Tag. Seinen Käse fährt Pilet ein-, zweimal die Woche in den Reifungskeller der Kooperative.

Nur fünfeinhalb Kilometer Luftlinie sind es von der Alpe ins mondäne Montreux. Ein Katzensprung eigentlich. Für Christophe Pilet ist der dicht besiedelte See trotzdem eine fremde Welt. Eine Welt, mit der er nichts zu tun haben will. Warum es meinen Sohn an den freien Tagen hinunter zieht, kann Pilet kaum verstehen. Der Kontrast ist es, der Baptiste reizt. Auf engstem Raum kann man im Kanton Wadt ganz unterschiedliche Galaxien erleben: Jahrhundertealte bäuerliche Traditionen und weltläufige Kultur, Enzianschnaps und Champagner liegen nur zwei Stunden Fussmarsch auseinander.

Die Welt der Älpler ist hart und entbehrungsreich. Wer hier arbeitet, muss früh aufstehen und geht müde zu Bett. Vielleicht ist Christophe Pilet gerade deshalb so stolz auf das Erbe, das er mit seiner Almwirtschaft pflegt. Auch, wenn sich die Herstellung von Käse finanziell kaum noch lohnt. Reich geworden ist mit dem L’Etivaz schon lange niemand mehr. Vor 260 Jahren war das noch anders. Der Bauer und Käsehändler Jean David Henchoz verkaufte die haltbare Köstlichkeit mit so grossem Erfolg, dass er das bis heute grösste Holzhaus der Schweiz errichten lassen konnte. Bis heute steht das fünfstöckige Gebäude mit 113 Fenstern in der kleinen Gemeinde Rossinière. Henchoz selbst konnte sein Prestigeobjekt jedoch kaum mehr geniessen. Er starb nur zwei Jahre nach dem Richtfest.

Später diente das «Grand Chalet» als Hotel und von 1976 bis 2001 war es die Residenz des exzentrischen Malers Balthus. Kein Wunder, dass illustre Berühmtheiten wie Alberto Giacometti, Richard Gere, David Bowie, Mick Jagger und sogar der Dalai Lama in der überdimensionierten Hütte zu Gast waren. Und obwohl man das Privathaus nur von Weitem bewundern kann, gehört das Super-Chalet zu den wichtigsten Attraktionen des Pays-d’Enhaut. Wer etwas über seine Geschichte erfahren möchte, sollte sich in die Kapelle begeben, welche die Fondation Balthus in ein Besucherzentrum umgestaltet hat. Man kann hier in Kunstkatalogen blättern oder Wim Wenders Dokumentarfilm über den Maler ansehen, der dort auf eine riesige Leinwand projiziert wird.

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Im Grand Chalet in Rossinière residierte jahrelang der Künstler Balthus.

Alpwirtschaft, Tradition und die Schönheit des Pays-d’Enhaut

Harmonische Holzarchitektur gibt es in der Region im Hinterland des Genfersees in jedem Weiler. Und selbst, wenn ein Grossteil der schindelgedeckten Juwelen unter Denkmalschutz stehen, sind die meisten von ihnen in täglichem Gebrauch: als Pension, Sportgeschäft, Bank oder Bioladen. Sogar ein Speicher oder Stall kann hier eine Sehenswürdigkeit sein. Auch für kleine Orte wie Château d’Oex, Les Moulins oder Rougemont sollte man sich deshalb Zeit nehmen, zumal die Strassen alles andere als flach sind und man hier sogar innerorts aus der Puste kommen kann.

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Das Café du Cerf mit seiner traditionelllen Holzarchitektur in Rougemont.

Weit oberhalb der Dörfer liegen die Käsealpen oder Alpages wie sie in der französischsprachigen Schweiz heissen. Viele Weiden sind so steil, dass man sich fragt, wie das Vieh das Gleichgewicht halten kann. 70 Familien und 3000 Kühe produzieren heute den L’Etivaz auf über 130 Hofstellen. Im Sommer sind die meisten von ihnen bewirtschaftet und oft ist die ganze Familie ins Gebirge hinaufgezogen. Auf einer Wanderung begegnen wir drei Kindern, die jauchzend in ein Plastikbecken hüpfen, um schnell wieder aus dem Bad herauszuklettern. Der Pool ist nicht mit kühlem Wasser gefüllt, sondern mit heisser Molke, einem Nebenprodukt der Käseherstellung.

Man muss im Pays-d’Enhaut keine gefährlichen Gipfel erstürmen, um glücklich zu sein. Die Landschaft nimmt uns genauso freundlich auf wie die Gasthäuser. Abends tunken wir Weissbrot ins Käsefondue, tagsüber wandern wir auf Höhenwegen, die den Blick auf den Montblanc und das Berner Oberland freigeben. Im Vergleich zu den schneebedeckten Drei- und Viertausendern sind unsere Gipfel harmlos. Begeistert sind wir trotzdem. Nicht zuletzt, weil wir die Schönheiten dieser Region fast für uns alleine haben. Besonders einsam ist es im Naturschutzgebiet La Pierreuse, wo wir keinem einzigen Menschen, aber dafür einer Herde Steinböcken begegnen, die seelenruhig über das Geröllfeld spazieren. Einige der Tiere lassen uns sogar bis auf zehn Meter herankommen.


Nach Tagen in den Bergen – zurück ans Seeufer

Nach fünf Wandertagen ist es Zeit für uns, abzusteigen. Baptiste hat drei freie Tage und begleitet uns hinunter an den See. Hinein in den Trubel. Es findet gerade das weltberühmte Montreux Jazz Festival statt. An der Uferpromenade, gesäumt von den Grand Hotels mit ihren Belle-Epoque-Fassaden und gelben Markisen, reihen sich die Bühnen und Essensstände auf. Das Publikum ist jung und bunt, die Stimmung ausgelassen. Vor und zwischen den Konzerten wird im See gebadet, und auch wir lassen uns immer wieder ins Wasser gleiten. Mal auf dem Festivalgelände, mal direkt neben der legendären Wasserburg von Chillon.

Zwischen den Konzerten fahren wir noch einmal hinauf in die Welt der Bergdohlen und Steinadler. Diesmal ganz bequem mit der legendären Zahnradbahn nach Rochers-de-Naye. Das angesagte Aussichtslokal, in dem wir auf dem Rückweg einen Stopp einlegen, heisst „Le Coucou“ und sieht nur auf den ersten Blick wie eine Berghütte aus. In Wahrheit sind wir längst wieder im Wirkungsbereich des Sees. Daran lassen die raffinierte Karte und die chicen Bedienungen keinen Zweifel.

Als wir später am Abend zusammen mit Tausenden von Fans vor der grossen See-Bühne stehen und zusammen mit Grace Jones, der 77-jährigen Stilikone aus Jamaica feiern, muss ich an Christophe Pilet denken, der nur wenige Kilometer entfernt seine Kühe melkt. Der Kontrast zwischen dem robusten Mann in den Gummistiefeln und der androgynen Diva mit ihren schrillen Masken könnte kaum grösser sein. Ihren letzten Hit an diesem Abend singt Grace Jones, während sie einen Hula-Hoop-Reifen minutenlang um ihre Hüften kreisen lässt. Wir sind völlig aus dem Häuschen und nehmen uns in die Arme. Jetzt, wo Baptiste und ich nebeneinander tanzen, kann ich es deutlich riechen: Mein Sohn duftet trotz unserer Bäder im See ganz eindeutig nach Kuhstall.

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Grace Jones auf der Seebühne in Montreux – 77 Jahre jung und voller Power. Bild: Marc Ducrest

Unsere Tipps

Musée Du Pays-D’Enhaut
Der Schwerpunkt des Museums liegt auf der Scherenschnitt-Kunst. Klingt langweilig? Ist es dank des progressiven Ansatzes nicht, zumal man in dem mehrstöckigen Gebäude auch viel über die Käserei und den frühen Tourismus in der Region erfährt.

Festival du Jazz, Montreux
2026 findet die 60. Ausgabe des berühmten Festivals am Genfersee statt. Buchen Sie ihre Unterkünfte frühzeitig und lassen Sie sich Zeit für das herrliche Hinterland von Montreux.

Télécabine Leysin - La Berneuse
Direkt gegenüber der Alpe von Christophe Pilet liegen drei auffällige Felstürme. Sie gehören nicht zum Pays-D’Enhaut, sind aber fantastische Aussichtsberge. Man erreicht den Tour D’Aï (2331m) und den Tour de Mayen (2327m) am einfachsten von der Bergstation der Gondel aus.

Café du Cerf
Rustikal und chic zugleich. Im Café du Cerf gibt es Hausmannskost auf hohem Niveau. Wer auf der Terrasse speist, bekommt den herrlichen Bergblick inklusive.

Le Coucou
Wer es auch am Berg gerne trendy hat, sollte in diesem an der Zahnradbahn gelegenen Aussichtslokal reservieren. Der auf 1150 Metern gelegene Gastgarten bietet herrliche Ausblicke auf den Genfersee. Das Coucou verwöhnt seine Gäste mit frechem Chic und lokalen Bio-Zutaten.

Maison d'hôtes Ermitage
Kleines, von einer renommierten Dekorateurin mit viel Liebe zum Detail geführtes Hotel. Jedes Zimmer verfügt über einen Balkon. Sehr empfehlenswert ist auch das (unabhängig betriebene) Restaurant. Wer mutig ist, probiert den Markknochen mit Alpenblüten oder die bei Niedrigtemperatur geschmorten Schweinebacken.

Hotel de Commune
Gemütliches Hotel in einem traditionellen Holzgebäude. Die Zimmer sind rustikal und angenehm. Michaël Burri, der neue Chefkoch des angenehm schlichten Hotelrestaurants, versorgte früher die Künstlerinnen und Künstler des Montreux Jazz Festivals mit seinen Köstlichkeiten. Seine traditionelle Küche versteht er als Hommage an seine Grossmutter Denise.

Hotel du Leman
Fantastische Blicke auf den See bietet dieses hoch über Vevey gelegene Hotel. Die grosszügige Anlage ist von einem herrlichen Obstgarten umgeben. Im renovierten Haupthaus herrscht schlichte Eleganz, die Zimmer im Nebengebäude sind eher basic.