«Wir haben bei unserem Projekt definitiv unterschätzt, wie viele Emotionen Menschen mit ihren Koffern verbinden», sagt Thomas Kemper. Kemper ist Verkaufsleiter und Leiter AVOR der Stiftung Züriwerk. Die Stiftung bietet Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen an. Und im Züriwerk werden seit rund drei Jahren Koffer aus der ganzen Schweiz geflickt, damit sie ihre Besitzer:innen wieder auf der nächsten Reise begleiten können.
Das Projekt «Rollentausch» stammt ursprünglich aus Deutschland. Menschen mit Beeinträchtigungen reparieren in Begleitung von Arbeitsagogen Koffer und haben dabei auch direkten Kundenkontakt. «Ein Arbeitsagoge des Züriwerks wollte das Projekt dann auch in die Schweiz holen. Er musste kämpfen, den Rest des Teams von der Idee zu überzeugen, aber er setzte sich glücklicherweise durch.» Heute ist «Rollentausch» eines der Vorzeigeprojekte des Züriwerks. «Die Anzahl der Koffer, die wir flicken, verdoppelt sich praktisch von Quartal zu Quartal», sagt Kemper. Es ist eben dieser emotionale Aspekt, den das Team nicht einberechnet hat. «Menschen kommen mit ihren Koffern zu uns und erzählen, auf welchen Abenteuern er sie begleitet hat. Etwa eine Reise durch Asien oder ein Studienjahr in Kolumbien», erzählt Kemper. Ein Kunde habe seinen beschädigten Aktenkoffer vorbeigebracht, in ihm trug er die ersten wichtigen Verträge seiner Karriere. Auch hier konnte das Team vom Züriwerk helfen.
Ein zweites Leben für Koffer
Nebst dem emotionalen Aspekt rückte aber auch die Nachhaltigkeit immer mehr in den Fokus, sagt Kemper. «Menschen kommen mit Koffern vorbei, bei denen eine Rolle kaputt ist, der Rest sieht aus wie neu.» Nebst den Rollen sei auch der Griff häufig eine Schwachstelle der Koffer, die nach kurzer Zeit kaputtgehen könne, erklärt der Verkaufsleiter. «Mittlerweile können wir bei beiden Probleme Abhilfe schaffen. Wir haben Rollen in verschiedenen Grössen und Materialien an Lager. Griffe können wir inzwischen auch im 3D-Drucker herstellen.» Gerne würde das Züriwerk auch mit grösseren Kofferherstellern zusammenarbeiten, um Ersatzteile direkt von ihnen zu beziehen. «Bis jetzt ist das aber noch nicht möglich.»
Das Projekt Rollentausch ist aber nicht nur für die Kund:innen ein grosser Gewinn, sondern auch für die Klient:innen, welche im Job als Kofferdoktor:innen aufgehen. Thomas Kemper spricht von ihnen als Mitarbeitende, denn sie sind es auch, die das Arbeitsvolumen bewältigen. «In der Kofferwerkstatt arbeiten fünf Mitarbeiter:innen und zwei Fachpersonen.» Zu Beginn des Projektes liessen sich die Arbeitsagogen in Deutschland ausbilden, um die erlernten Arbeiten weitergeben zu können. «Heute sind unsere Mitarbeitenden aber häufig bewanderter in der Materie», sagt Kemper.
«Wir haben bei unserem Projekt definitiv unterschätzt, wie viele Emotionen Menschen mit ihren Koffern verbinden.»
Verkaufsleiter und Leiter AVOR der Stiftung Züriwerk
Doch nicht nur die Arbeit an den Koffern ist es, die den Mitarbeitenden in der Werkstatt Spass macht. «Sie schätzen es, dass sie direkten Kundenkontakt haben. So erleben sie auch die Freude mit, wenn unsere Kund:innen ihre reparierten Koffer wieder mit nach Hause nehmen können.» Kemper ist es wichtig, dass «Rollentausch» nicht nur als soziales Projekt angesehen wird. «Die Mitarbeitenden haben einen hohen Anspruch an ihre Arbeit. Unser Service soll gleich gut sein, wie der aus dem Fachgeschäft.» Bei den Kund:innen kommt der Service von «Rollentausch» gut an. «Häufig sehe ich Menschen, die mit ihrem reparierten Koffer die Werkstatt mit einem Strahlen verlassen», sagt Kemper. Es sei auch diese Freude von allen Seiten, die das Projekt zu einem Paradebeispiel für gelungene Inklusion mache.
Deshalb soll Rollentausch auch weiterwachsen. «Wir haben die Rechte für das Projekt in der Schweiz gesichert. Ab 2026 möchten wir expandieren, damit auch andere Stiftungen in der Schweiz das Konzept adaptieren können.»
Text: Anja Suter
Bilder: Reto Schlatter
Publiziert: 16. Juli 2025